Diese Uhren toppen jeden Sportwagen

Als ausgebildete Architektin ziehen mich Räume einfach an: Große, verwinkelte, sogar leere. Als ich Eva Leube treffe, eine hochtalentierte Uhrmacherin, kann ich mich mit ganz kleinen Räumen und umso komplexeren Konstruktionen beschäftigen. Den klassischen Uhrmacherberuf – gibt’s denn so was überhaupt noch? Ich treffe Eva in ihrer Werkstatt in Sydney und darf ihr über die Schulter schauen.

Eva-Leube_ARIBeim Eintritt in die Werkstatt komme ich mir vor wie der Elefant im Porzellanladen. Jetzt nur nicht niesen! Etliche Teilchen sind klitzeklein, kaum mit dem Auge zu erkennen und wahrscheinlich ziemlich teuer. Präzise Konstruktionszeichnungen hängen an der Wand. Kleine Schublädchen, sauber beschriftet nach Schraubengrößen im Nanometerbereich. Werkzeug, Lupen, Fräsen überall.

Dazwischen sitzt Leif, Evas zweijähriger Sohn. Er spielt geduldig unter der Werkbank mit seinen Spielsachen. Ihr älterer Sohn ist noch in der Schule.

Eva-Leube_ARI_UhrwerkEva hat sich trotz Kinder nie eine berufliche Auszeit genommen. In ihrem Kopf tickt es immer weiter, getrieben wird sie von ihrer Kreativität und ihrem Perfektionismus. Bevor ich überhaupt in unser Gespräch über die Manufaktur von Uhren eintauche, bin ich schon beeindruckt. Zwei kleine Kinder betreuen und dabei noch hochkonzentriert arbeiten. Gelingt mir jedenfalls selten.

Die Ausbildung zur Uhrmacherin beginnt Eva mit 16 Jahren. Als kleines Kind hört sie Geschichten von ihrer Mutter über einen Uhrmacher, den die Familie gut kannte. Dass dabei ein Interesse bei ihrer Tochter geweckt wurde, hat sich die Mutter im Traum nicht gedacht. Nach der Ausbildung in Berlin besucht Eva die Meisterschule in Hildesheim. Es folgen erste Arbeitsjahre in kleinen, privaten Restaurationsfirmen. Dabei eignet Eva sich das Grundverständnis für Uhren an und lernt den Ansatz der logischen Fehlersuche. Dann arbeitet sie als Serviceuhrmacherin bei renommierten Firmen wie Ulysse Nardin und Rolex.

Sie verbringt Meisterjahre in den USA, Südafrika, Schweiz und letztlich in Australien, wo sie später hängen bleibt. Eva arbeitet lange mit Thomas Prescher zusammen, ein Spezialist Tourbillons, Retrograde und generell komplizierte Zeitanzeigen. Dabei hat sie das große Glück, all diese wunderbaren, hochkomplexen Uhren anfassen und von der Pieke auf studieren zu dürfen. Der Wunsch nach der ersten, eigens entworfenen Uhr beginnt zu keimen.

“Ich habe so viele wunderschöne und teilweise hochkomplizierte Uhrwerke im Laufe meines Lebens gesehen – aber alle mehr oder weniger versteckt im Gehäuse. Ich wollte eine Uhr, die das Uhrwerk sichtbar macht und dabei nicht wie ein klobiger Klotz an der Hand hängt.”

Gut Ding will Weile haben. In der ersten Babypause realisiert sie endlich ihren Traum. Die Zeiten, in denen ihr kleiner Sohn schläft, nutzt sie für erste Skizzen. Darauf folgen Konstruktionszeichnungen und Modellstudien; der Prototyp bekommt langsam Formen. Nach vier Jahren, ihr Sohn springt inzwischen auf 2 Beinen durch den Kindergarten, ist der Prototyp endlich fertig. Die Uhr bekommt einen Namen: ARI, benannt nach Evas erstem Sohn und nach der wohl größten Umbruchzeit ihres Lebens.

Eva-Leube_ARI-long-2Und dann endlich bekomme ich die Uhr zu sehen. Was ein Schmuckstück! Mein Blick richtet sich als erstes auf die Form, und die ist einfach wunderschön. Ari schmiegt sich elegant und schlicht in leichtem Bogen um das Handgelenk. Nicht aufdringlich, ohne viel Schnickschnack, entworfen für Männer  u n d  für sie selbst. Eva verrät mir, dass Frauen, die auf handgefertigte Mechanik stehen, ausschließlich Männergrössen tragen. Aha!

Damit trotz des Bogens aber alles sauber läuft, muss Eva den Aufbau des Uhrwerkes komplett umstellen und lässt die Welt daran teilhaben. Das Gehäuse ist nämlich aus Saphirglas und von 5 Seiten einsehbar. Sogar die Krone ist deshalb am unteren Ende der Uhr angebracht um die seitliche Einsicht in das Uhrwerk, bestehend aus über 200 Bauteilen, nicht zu behindern. Durch die durchgängige Krümmung der gebogenen Hauptplatine stehen keine der Achsen des hochkomplexen Uhrwerkes parallel zu einander. Kein Zahnrad der Uhr dreht sich in der gleichen Ebene wie ein anderes und alle Verzahnungen des Räderwerks mussten einzeln durchdacht und konstruiert werden. Modernes Design kombiniert mit einer der ältesten Handwerkertechnik. I like! Meine eigene Plastikuhr, immerhin aus der Schweiz, schiebe ich jetzt mal dezent unter meinen Pullover.

Eva-Leube_ARI_BrueckenDie Sammlerwelt dreht sich um! Wie bitte, eine Frau? Auf der Baselworld 2011 stellt Eva ihren Prototypen aus und kommt auf dem Geneva Watchmaking Grand Prix 2011 unter die Finalisten im Bereich Design. Eva Leube wird in der AHCI, der Akademie der unabhängigen Uhrenkreateure, aufgenommen und es folgen erste Anfragen und Aufträge.

Ihre Kunden kennt Eva nicht. Sie kommuniziert meistens nur mit deren persönlichen Assistenten. In den Uhrensammlerkreisen möchte man anonym bleiben, möglichst unspektakulär ein neues Sammlerstück ergattern. Kein Wunder. Ein Schnäppchen ist eine Uhr von Eva Leube nicht. Die Kosten liegen im 5 bis 6stelligen Bereich. Je nach Ausstattung und Material. Anfertigungszeit: 1bis 2 Jahre.

Wie fühlt man sich, wenn die Uhr fertig ist?

„Ich war richtig traurig, mein erstes, gutes Stück abzugeben. Es war ein Loslassen der besonderen Art aber ich wusste, dass die Uhr in ein gutes Haus kommt.“

Eva-Leube_ARI_HandwerkIn der Endphase von Ari übernachtet Eva in ihrer Werkstatt. Nachtschichten stehen an.
Einmal hatte ein ganz besonders aufwendiges Bauteil einen Materialfehler, der erst beim Legieren sichtbar wurde und musste noch einmal komplett neu angefertigt werden. Das warf sie um ein halbes Jahr zurück.

Eva hat ihre Werkstatt in Sydneys Stadtteil Manly. In den Pausen läuft sie mit ihren Kindern zum Strand oder an den Hafen. Sie ist eine große Frau mit Berliner Akzent, die immer lacht; selbst wenn der kleine Leif in der Werkstatt sein Unwesen treibt.

Eva, wie machst Du das mit den kleinen Kindern in der Werkstatt? Wie bleibst Du so cool?

„Ja, da braucht man schon starke Nerven. Oft lasse ich die Kinder Schrauben mit einer Pinzette sortieren. Dann sind sie erst mal lange ruhig und beschäftigt. Das ist manchmal sogar wirklich eine große Hilfe. Als ich den Ari Prototypen einmal für eine Präsentation ganz schnell umbauen musste und die Kinder Werkstattsperre hatten, baute sich mein ältester Sohn vor mir auf und sagt: „Mami, glaub mir, es geht schneller, wenn ich Dir helfe!“

www.evaleube.com

www.facebook.com/EvaLeube

https://www.youtube.com/watch?v=bJXLSwtq5gw
Fotos: Eva Leube

 

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