Subtile Deutschlandliebe – ein Brite erklärt deutsche Geschichte

Opa-Untermann-in-London_smallGerade ein Brite führt uns vor, wie sehr uns andere Nationen um unsere Geschichte bewundern? Detlef Untermann kann es kaum fassen. Der mit uns befreundete Berliner Blogger hat das neue Buch des schottischen Kunsthistorikers Neil MacGregor „Erinnerungen einer Nation“ als einer der Ersten gelesen. Und für ohfamoos aufgeschrieben, wie famos er es findet: „Soviel subtile Deutschlandliebe – man erwartet es kaum von einem Briten.“

Es ist kein Geschichtsbuch im klassischen Sinne, sondern die dritte Stufe des Projektes „Germany: Memories of a Nation – Deutschland: Erinnerungen einer Nation“, der eine gleichnamige Ausstellung im Londoner British Museum und BBC-Radio-Serie vorausgegangen sind. In dem gerade erschienenen Buch mit eben diesem deutschen Titel erklärt Neil MacGregor, bis Ende September dieses Jahres Direktor des Britischen Museums in London und ab Oktober Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt-Forums in Berlin, welche Rolle Geschichte in Deutschland spielt:

„Sie (die Geschichte) liefert nicht nur ein Bild der Vergangenheit, sondern führt das Vergangene entschieden und mahnend nach vorne, in die Zukunft.“

Als ein Beispiel führt er das Holocaust-Denkmal für die in Europa ermordeten Juden an und stellt dazu fest, dass „deutsche Denk- und Mahnmale denen anderer Länder nicht gleichen. Jedenfalls kenne ich kein anderes Land, dass in der Mitte seiner Hauptstadt ein Mahnmal der eigenen Schande errichtet hätte.“ Aber für MacGregor besteht deutsche Geschichte nicht nur aus den dunkeln Jahren von 1933 bis 1945, sondern geht weit darüber hinaus.

Unsere nationale Identität ist die Summe der Einzelteile: „Über ihre längsten Zeitabschnitte hinweg kann deutsche Geschichte keine einheitliche nationale Erzählung sein“, schreibt er und fährt an anderer Stelle fort: „Gleichwohl gibt es eine große Zahl von kollektiven Erinnerungen daran, was Deutsche getan und erlebt haben: Einige dieser Erinnerungen aufzurufen und sich mit ihnen zu beschäftigen ist die Absicht dieses Buches. Es versucht nicht – könnte dies auch gar nicht –, in irgendeinem Sinn deutsche Geschichte zu schreiben, sondern will einigen prägenden Zügen von Deutschlands heutiger nationaler Identität nachgehen, und dies anhand von Objekten und Bauwerken, von Menschen und Orten.

Berlin_Brandenburg-Tor_Deutsche-Kultur_smallDas älteste Objekt ist die Gutenberg-Bibel aus den 1450er Jahren, dem vielleicht frühesten Zeitpunkt, an dem Deutschland den Lauf der Weltgeschichte nachhaltig mitbestimmt, ja eine der Grundlagen der gegenwärtigen Kultur Europas gelegt hat. Das jüngste Objekt ist das vor nicht allzu langer Zeit restaurierte Reichstagsgebäude, Sitz des Deutschen Bundestages.“ Darüber hinaus sind es Porzellan aus Dresden, deutsches Bier und deutsche Wurst, Goethe, Schneewittchen und Mutter Courage, die Krone Karls des Großen, ein Tauchanzug made in Ostdeutschland oder das Tor von Buchenwald, woraus er ein konsistentes Deutschland-Bild zusammenfügt.

„Vergeblich haben deutsche Historiker versucht“, so formuliert es MacGregor, „die unterschiedlichen Puzzleteile zusammenzusetzen, aber keinem ist es wirklich gelungen, die großen intellektuellen und kulturellen Leistungen des 18. und 19. Jahrhunderts überzeugend mit dem moralischen Absturz der NS-Zeit zusammenzuführen; es gibt kein nachvollziehbares Muster.“

Opa-liest_Deutsche-Kultur_Geschichte_ohfamoos_smallGerade der britische Blick macht dieses Buch faszinierend. Soviel subtile Deutschlandliebe – man erwartet es kaum von einem Briten. War doch der Blick auf uns Deutsche immer von den dunklen Jahren der Geschichte geprägt.

In diesem Sinne ist das Buch ein absolutes Muss für jeden, der dieses Land und seine Geschichte verstehen will.

ohfamoos-Gastautor Detlef Untermann schreibt über sich selbst: „62 Jahre alt, 39 Jahre verheiratet, zwei Kinder, zwei Enkelkinder, glücklich. Also Opa.“ Wer mehr über ihn wissen möchte, durchforste seinen einzigartigen Blog oder lese das ohfamoos-Porträt hier!

Neil MacGregor: Deutschland, Erinnerungen einer Nation
C.H.Beck, München, 1. Auflage 11. September 2015, 640 Seiten mit ca. 330 farbigen Abbildungen und Karten, 39,95 Euro, ISBN 978-3-406-67920-9

Text: Detlef Untermann
Foto: privat

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