Zu mild für die Politik oder nur alter Kaffee?

Wer sind Merkels Milde? Fragte gestern Spiegel Online – und hätte ich nicht schon gesessen, ich hätte mich gern fallen lassen. Denn gemeint sind die jüngsten CDU-Wahlsieger Armin Laschet, Daniel Günther und Annegret Kramp-Karrenhauer. Während sich wiederum andere Medien in (genauso üblem) SPD-Spott gefallen, hier mal wieder diese journalistische Schublade: Wer nicht brüllt, gilt bei Journalisten gern als harmloser Langweiler. Werden Wahlen dennoch gewonnen, heißt es wie eben in diesem SPON-Artikel: „Jetzt mit den Softies läuft es auf einmal, die Union eilt von Sieg zu Sieg.“

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Zu mild für die Politik oder nur alter Kaffee?

Was sind das für seltsame Rückschlüsse? Warum soll jemand soft sein, nur weil er nicht tierisch twittert wie ein Trump? Und ich erinnere mich daran, wie Journalisten in den 90er Jahren den damaligen CDU-Generalsekretär „Pfarrer Hintze“ schimpften. Ich fand das immer schon voll daneben. Nicht nur, weil ich Peter Hintze stets sehr geschätzt habe. Darüber hinaus ist Pfarrer ein sehr ehrbarer Beruf – und wer sagt eigentlich, dass Theologen brav sind, nur weil sie klüger in Ruhe vorgehen? Und warum werden Politiker überhaupt in Schablonen gedrückt? Damit Journalisten einfacher über sie herfallen können? Oder sie erhöhen, wie es jüngst DIE ZEITmit ihrem Titel „Der Heiland“ versucht hat? Emmanuel Macron als der Retter Europas, sogar mit Heiligenschein? Ja, ich weiß, es war augenzwinkernd gemeint und eine Schlagzeile soll auffallen, wenn sie der Lehre nach gut ist.

Ich finde diese Masche jedoch immer abstoßender. Es bleibt immer was hängen. Und sie erschwert guten Politikern, nach denen ja immer gern gerufen wird, eindeutig die oft sehr mühsame und in der Regel noch nicht einmal gut bezahlte Arbeit.

Jetzt also sollen die jüngsten Wahlgewinner schlicht soft sein, langweilig gar und noch schlimmer: Merkel-freundlich. Mal ehrlich? Warum nur sollte sich der frühere Integrationsminister Laschet mit der Bundeskanzlerin anlegen? Weil Medien dann besser über Streitigkeiten schreiben können? Und warum sollten Wähler lieber den wählen, der am meisten beißt? Zieht man Strippen nicht viel besser, wenn man weniger laut darüber spricht? 2008 hieß es im Spiegel über Laschet übrigens noch, er sei „ein Querdenker in der CDU, der sich mit den Traditionsbataillonen seiner Partei genauso anlegt wie mit Tayyip Erdogan“.

Ich freue mich darüber, wenn Politiker etwas fair und menschenfreundlich bewegen. Das müssen natürlich alle nun erst noch beweisen. Ob es der junge Macron in Frankreich ist, ob es die vermeintlich „Milden“ hier bei uns nun versuchen. Ohfamoos ist, wenn um etwas gerungen wird. In welcher medialen Lautstärke, ist dabei zweitrangig. Und es wäre viel hilfreicher, würden Medien mehr über politische Inhalte bringen. Leider gefallen sie sich oft darin, alten Kaffee aufzuwärmen und lächerliche Etiketten zu verteilen.

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