Mallorca für immer – nur wie?

Hast Du schon einmal daran gedacht auszuwandern? Dahin zu gehen, wo alles besser ist? Wie realistisch ist das? Klappt nicht, sagt die deutsche Barbesitzerin Heike Biesler. Im Interview mit ohfamoos erzählt sie offen, wie sie jedoch „einfach da geblieben“ ist, welche Hürden sie genommen hat und dass sie seit 2005, als sie nach Mallorca kam, keinen Tag bereut hat.

Eine gelernte Buchhalterin als Barfrau – auch das gibt es auf Mallorca. Zufällig lande ich in der ‚Casa Heike’ in Colonia de Sant Jordi, einem kleinen, immer noch beschaulichen Küstenort im Südosten der Insel; mein Sohn hatte es entdeckt: „Mama, da kann man Fußball gucken!“ Wir bleiben, denn die köstlichen Flammkuchen überzeugen auch mich als Nicht-Fußballfan. Mittlerweile ein Markenzeichen von Heikes Bar, wie ich später erfahre.

mallorca, arbeiten, auswandern, urlaubHeike (55) stammt aus Sondershausen in Thüringen, und die Mutter einer 36jährigen, in Deutschland lebenden Tochter hat ihr Leben vor 17 Jahren komplett umgekrempelt. Nicht sofort, aber peu á peu. Und während mein Mann und Sohn die Tore zählen, überlege ich, was ich Heike, die so fröhlich und offen wirkt, fragen möchte. Am nächsten Tag kehre ich zurück und wir vereinbaren einen Interview-Termin.

Heike, bist Du eine Aussteigerin?
Nein, ich bin einfach da geblieben. Ohne Plan. Ich bin 2005 nach Mallorca gekommen, weil die Firma in Thüringen verkauft worden war und ich Arbeit suchte. Aus vier Wochen Aushilfstätigkeit als Buchhalterin wurde ein Jahr und weil ich so viel Freizeit hatte, fing ich an in einer Bar zu jobben, später in einem Delikatessenladen.

Ich habe es einfach laufen lassen wie es kam und so über die Jahre immer mehr Leute kennengelernt. Wer aussteigt, flüchtet vor etwas – das war bei mir ganz anders.

Ohne Plan und Druck, das klingt für viele sicher verlockend. Kann man sich so ein neues soziales Umfeld schaffen?
Ich glaube nur so. Und mit niedriger Erwartungshaltung. Und man muss zuhause sein altes Leben gut regeln. Parallel dazu habe ich mich hier in Colonia de Sant Jordi immer mehr eingelebt, den Ort und die Menschen langsam aber sicher kennengelernt. Das ist total wichtig.

Auswandern, Mallorca, Spanien, Casa Heike, Restaurant auf MallorcaWeil herkommen und etwas eröffnen nicht geht?
Ja, die Mallorquiner schauen sehr genau, wer was wie macht. Hier ist alles sehr kompakt. Zusammen mit meinem heutigen Lebensgefährten Uwe habe ich mich dann erst 2011 selbständig gemacht. Seinem stabilen Nervengerüst ist es übrigens zu verdanken, dass ich durchgehalten habe.

Welche Probleme gab es?
Viele Neider, vor allem deutsche, weil unsere ‚Casa Heike’ plötzlich eine Alternative zu anderen Bars war. Aber wir haben uns nicht beirren lassen und unseren Job gemacht. Urlauber entdeckten: „Das könnte doch unsere Heike sein“ – und blieben.

Auch Mallorquiner?
Zu meinen Lieblingsgästen, die im Sommer seit nun sechs Jahren täglich aus Palma kommen, gehören zwei Spanierinnen, Ende 70. Sie brachten schnell ihre ganze Familie mit – Mensch, war ich aufgeregt! Aber mit dem 2. Flammkuchen war das Eis auch bei den erst sehr argwöhnisch blickenden Männern gebrochen.

Die Damen kommen täglich seit 2011?
Ja. Uwe sagt immer, wenn er sie sieht: „Heike, Deine beiden Muttis sind wieder da!“ Ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr mich diese Frauen rühren! Als ich eine einmal vor ihrer Ferienwohnung traf, sagte sie doch glatt sinngemäß zu mir: Komm rein, mein Haus ist auch dein Haus. Ich kriege heute noch eine Gänsehaut, wenn ich mich daran erinnere.

Werden Gäste Freunde?
Als ich aufgrund meiner Krebserkrankung sehr krank war, waren es auch meine Gäste, die mich da durch getragen haben. Offene Augen und Herzen, überall – erst in der Klinik in Palma, wo ich operiert wurde, aber eben auch wieder zurück in Colonia. Ich habe mich zwei Tage im Bett neu sortiert und bin dann wieder in die Casa gegangen, nach sechs Wochen war ich wieder voll im Geschäft. Das trägt Dich so!

Lässt man die Heimat ganz los?
Nicht ganz, aber viel Altes ist eingeschlafen, man erlebt ja nichts Gemeinsames mehr zusammen.

Ich habe gelernt Materielles loszulassen, nur meine typisch deutschen Werte, die nicht.

Ich ziehe immer durch, die Bar mal nicht pünktlich aufzumachen, gibt es nicht. Geradlinig sein und freundlich: Wenn bei uns im Team mal jemand nicht gut drauf ist, bleibt er lieber in der Küche.

Auch Deine beiden Schwestern sind, obwohl Ihr alle etwas anderes gelernt habt, in der Gastronomie „gelandet“, was läuft hier anders als in Deutschland?
Wir leben hier viel relaxter, weil uns Urlauber besuchen, die ihre Probleme zuhause lassen. Die wollen Spaß haben, ihr Input ist positiv. Ich habe viele deutsche Geschäftsleute, die total gestresst hier ankommen – aber nach zwei Tagen sind die so ‚unten’. Die Ruhe dieses Ortes, die Weite der Region, das Wasser ringsum, das alles strahlt sofort ab. Deshalb wohnen hier im Sommer auch viele Mallorquiner – in den vielen Wohnungen und Häuser, die jetzt im Frühjahr leer zu stehen scheinen.

Der Ballermann ist nur 40km entfernt…
… genau und hier ist eben kein HalliGalli. Selbst in der Saison nicht. Ja, es gibt auch Curry-Wurst, aber ich denke vor allem bieten wir eine besondere, ich glaube herzliche Atmosphäre. Ehrlich, ich habe keinen Tag bereut, seitdem ich hier bin.

Wo siehst Du Dich, wenn Du älter bist? Bleibt Ihr hier?
Ich habe in Thüringen 27 Jahre Planwirtschaft erlebt, das ging nicht gut. Also plane ich nicht mehr. Ich empfinde einfach jeden Tag als Geschenk Gottes.

Danke für das Gespräch, bleib gesund und auf in den Sommer!

Fotos: Elke Tonscheidt

4 Gedanken zu “Mallorca für immer – nur wie?
  1. Eine Bar eröffnen ist eine Variante von „Leben im Süden“. Eine andere ist, sich ohne Risiko und ohne Investition ein selbstbestimmtes Leben schaffen. Etwas Arbeit ist schon nötig…aber der Effekt ist immens. Ich habe eine Reihe Kollegen, die das geschafft haben und bin auf dem besten Weg, es ihnen gleich zu tun.

    • Liebe Mara,

      Bravo. Ich bin mit 21 aus Deutschland ausgewandert und habe es NIE bereut. „Etwas Arbeit ist nötig“, wie Du schon sagst, aber die Vorteile überwiegen weit. Die Selbstverantwortlichkeit möchte ich nicht mehr missen.

  2. Heike sagt weiter oben, „Ich habe gelernt Materielles loszulassen, nur meine typisch deutschen Werte, die nicht.“. Da habe ich mich ein Stück weit wiedererkannt. Bin seit fast 7 Jahren in Patagonien und habe es auch noch nie bereut.

    Das interessante ist aber, seine Werte in die Gesellschaft hier einzubringen und im Gegenzug lokale Werte in sich aufzunehmen. Ich bin definitiv nicht mehr die gleiche Person wie vor 7 Jahren.

  3. Hi Dirk,

    wenn Du Lust hast über diese „Transformation“ mal zu schreiben bei uns, sehr gern, ist ja wirklich spannend, wie neue Umfelder neu prägen!

    Oder mal über Patagonien – ein Thema, das gut in unsere Reiserubrik passt….

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