Liebe LIEBE, bleib‘ doch für immer!

Das Gute vorweg: Die Zahl der Ehescheidungen ist hierzulande so niedrig, wie seit über 20 Jahren nicht. Das Traurige: Es sind über 160.000 Verheiratete allein im vergangen Jahr, die sich trennten. Annähernd dreihundtertundzwanzigtausend zerschellter Träume von Erwachsenen und zahlreicher Kinder. Für die meisten wird am Ende irgendwie alles wieder gut. Kann Liebe denn heutzutage noch gehen – für immer“?!

1994 hielt eine Ehe durchschnittlich gut 11 Jahre, mittlerweile 15. So die Süddeutsche Zeitung. Immerhin also 15. Von „immer“ oder „bis dass der Tod euch scheidet“ ist das meilenweit entfernt. Dabei haben die meisten fest daran geglaubt, dass sie es schaffen würden: für immer. Das Schicksal schlägt also häufig in den mittleren Jahren, den Vierzigern, eine tiefe Kerbe in die Seele. Übrigens – jede zweite aller Scheidungen leitet die Ehefrau ein. Soweit ein paar Fakten.

Paare, Trennung, Hochzeit, Ehe, Scheidung, ,PaartherapieViele kleine Scheidungen

So richtig krass verliebt zu sein ist eines der intensivsten Gefühle, zu denen Menschen fähig sind. Die Wogen glätten sich dann. Diesen Hype-Zustand würden wir über Jahre nicht aushalten. Das Gefühl der Liebe, die dann wächst, beschreiben Viele als tiefer, ruhiger und verbundener.

Was passiert dann? Wenn die Alltäglichkeiten uns weitere, weniger glorreiche Wahrheiten voneinander zeigen? Gewohnheiten und Rituale häufiger das Miteinander prägen als Inspiration und Überraschung? Oder wenn in haarigen Zeiten, sei es ein Hausbau, das Elternwerden, eine berufliche oder gesundheitliche Krise, eine/r sich überfordert zeigt? In Frage stellt? Gar ausschert und Bestätigung in einer Affäre sucht? Dann zeigt sich die Motivation für die Verbindung zweier Persönlichkeiten. Wie kompatibel sie sind, wie solide die Basis ist, auf die sie sich besinnen können. Damit „für immer“ eine Chance hat. Hans Jellouschek, Theologe und Paartherapeut, meint sogar „Eine funktionierende Ehe ist in gewisser Weise eine Folge kleiner Scheidungen, die man überwindet und nach denen man sich stets neu suchen und zusammenfinden muss.“*

Kann man „Zusammenbleiben“ lernen?

Einer Trennung gehen zumeist unzählige, klitzekleine bis große Enttäuschungen und Verletzungen voraus. Und manchmal viel Drastischeres. Haben wir denn je gelernt, in Liebessachen richtig zu kommunizieren? Erfahrung aus der Kindheit mit den Eltern bspw. nicht auf die Frau/den Mann zu projizieren? Zu verzeihen, so ganz ehrlich und tief anstatt zu vergelten? Uns selbstlos und gut um Andere – Erwachsene wohlgemerkt – zu kümmern? Empathisch zu sein? Die Spannungsfelder zwischen Nähe und Distanz, Verbindlichkeit und Freiheit zu bespielen? Und unsere Gefühle zu erkennen, sie wahrhaftig zu empfinden und zu kommunizieren? Im Alltag inne zu halten und Raum für eigene Bedürfnisse zu schaffen? Geben und nehmen immer wieder neu auszubalancieren?

Wir lernen auf den Mond zu fliegen und einen Hund zu halten, ein Kind zu gebären und vegan zu kochen, beruflich zu wirken und uns politisch korrekt auszudrücken. Aber Liebe und Beziehung zu leben und zu erhalten, das passiert uns irgendwie.

Was passiert? Und wie finden Paare sich wieder?

„Wie geht eigentlich für immer?“ – nach den ersten Trennungen im Freundeskreis debattieren wir diese Frage öfter. Und wenn Zuhause der Haussegen mal schief hängt, dann hitzig und ungeduldig.

Trennung, Heiraten, Liebe, Ehe, PaarproblemeDie Gründe, warum zwei sich zur Trennung entschließen, sind vielfältig, die Ursachen ungeheuer komplex. Für reifere Beziehungen ist häufig das jahrelange Alltagsgrau, das die ursprünglichen Freuden aneinander überlagert, verantwortlich für Unzufriedenheit, beobachtet Jellouschek. Oder dies: Männer erfreuen sich in dieser Lebensphase daran, dass das Leben geordnet und bequem ist, während Frauen wacher und neugieriger werden, ihre Unabhängigkeit wiederbeleben.

Da kann ein Perspektivwechsel aufrütteln – den Anderen bewusst (eventuell mit Hilfe) mit neuen Augen betrachten. Und sich selbst mit den Augen des Partners. Das kann enorm helfen, einander wieder besser zu verstehen. Gegenseitige Anerkennung ist sowieso ein ohfamooser Dünger für gelingende Zweisamkeit! Sie auszudrücken in wertschätzenden Äußerungen statt sparsam mit dem Ausdruck von Gefühl und Verbundenheit zu sein oder zu bleiben. Und (oder) – dies auch in Taten zu zeigen. Dadurch Gemeinsamkeit erzeugen.

Wenn alte Verletzungen im Wege stehen, dann, so Jellouschek, geht nur dies:

Man muss das Verzeihen wirklich wollen!

Dazu müssen wir uns Verletzung und Wut überhaupt eingestehen und sie offen aussprechen. Wenn wir dann noch auf Rache verzichten, dann sind die Aussichten gut!

Die Stolpersteine sind meistens Macht, Respektlosigkeit und Verdrängung. Die Bereitschaft zur Auseinandersetzung und ein aufrichtiges Interesse am Wohlergehen sowie eine frische Neugierde auf den Anderen sind ein guter, erster Schritt. Es geht darum, aktiv andere positive Gemeinsamkeiten als Probleme, Herausforderungen oder gar Konflikte aufzudecken.

Wir verlieben, verloben und verheiraten uns. Zack, dann kommen Kinder, Karrieren & Co. Und die Sache mit der Liebe und dem Sex, der persönlichen Weiterentwicklung, dem Paar- und Elternsein, Freund und Freundin bleiben – all das kriegen wir schon irgendwie hin? Diesen Trugschluss machen die jährlichen Trennungsstatistiken deutlich, auch wenn sie einen zarten Positivtrend zeigen. Eine „Liebe für immer“ braucht Bewusstheit, Kümmern, Aufmerksamkeit, Pragmatismus, Respekt und Neugierde. Immer wieder. Und vor allem dies, so habe ich neulich gelesen: die Entscheidung, den Anderen einfach lieben zu wollen!

*GEO Wissen Nr. 50, S. 95

Fotos: unsplash (one wedding, Nathan Walker)

5 Gedanken zu “Liebe LIEBE, bleib‘ doch für immer!
  1. Liebe Cornelia, ich stimme dir zu 100% zu! Ich möchte noch einen Punkt hinzufügen. Meine persönliche Erfahrung ist: je schmerzhafter eine Auseinandersetzung mit meinem Mann ist, je wütender ich auf ihn bin – desto sicherer kann ich sein, dass er ’nur‘ der Knöpfchendrücker ist. Dass es eine alte Geschichte in mir ist, die endlich, endlich geheilt werden möchte. Wenn ich meine ganze Wut nun auf ihn projiziere oder ihn sogar verlasse, weil er ja ’so ein unmöglicher‘ Typ ist habe ich mir das vermeintliche Problem buchstäblich erst mal vom Hals geschafft. Andererseits habe ich eine geniale Chance zur eigenen Heilung vertan. Und: ich nehme MICH und mein Inneres immer mit, egal wohin oder zu wem ich mich flüchte.

    • Liebe Elke,

      Danke für deine wertvolle Ergänzung und dein persönliches Beispiel! Im Prinzip stimme ich dir zu. Wir suchen uns unsere ParterInnen ja nicht umsonst aus:-) bzw. sie werden uns geschickt. Eine langjährige Partnerschaft ist ein bisschen wie eine herausfordernde Spielwiese zur eigenen Weiterentwicklung. So viele Spiegel, die da aufgestellt werden. Vorausgesetzt allerdings, beide haben einen – tatsächlich – gesunden Menschenverstand bzw. eine gesunde emotionale und soziale Intelligenz, wie es so schön heißt. Und vor allem – eine echte Herzensverbindung.

      Ich wünsche dir alles Gute!

      Ohfamoos grüßt dich, Cornelia

  2. Ein wunderbarer Artikel, Cornelia, mit absolut richtigen und auch bewährten Empfehlungen, wie man eine langjährige Partnerschaft (ob nun Ehe oder nicht) immer wieder „stärken“ und in schwierigen Zeiten auch retten kann.
    Aber vielleicht liegt das Mysterium lebenslanger Liebe in manchen Fällen gar nicht nur am professionellen und klugen Umgang miteinander, sondern tatsächlich auch an einer wie Magie zwei Menschen verbindenden „wahren Liebe“, die man gar nicht intellektuell oder psychologisch charakterisieren kann? Es gibt sie, solche Verbindungen, und jene, die zu den Glücklichen gehören, welchen dies geschenkt wurde, wissen es, weniger durch ihren Verstand, sondern instinktiv tief „im Herzen“. Vielleicht machen unsere gesellschaftlichen Veränderungen es nur immer schwerer, „die oder den Richtigen“ auch tatsächlich zu finden und man geht, bewusst oder unbewusst, vorher Kompromisse ein.

    • Lieber Dieter,

      wie stets bereichert auch dieser Kommentar unseren Beitrag. Nämlich um die 300+ Wörter, die ich nicht produzieren konnte, was ich sehr gern getan hätte, weil der Beitrag sonst um die Elle zu lang geworden wäre:-). Hier legte ich den Fokus auf das Absichtsvolle, das Ursächliche und ein mögliches Begreifen und Tun. Zumindest in meiner Beaobachtung „arbeiten“ auch Paare, denen der Zauber einer tiefen Liebe, die „einfach ist“, im Laufe der Jahre daran. Sie tun es wohl mit einer anderen Leichtigkeit; die Turbulenzen sind weniger stark. Und – die Grundsatzfrage wird nie gestellt, weil sie nicht existiert!

      Deinen Punkt hinsichtlich der gesellschaftlichen Veränderungen, die womöglich das Finden dieses Zaubers erschweren, finde ich sehr interessant! Was konkret meinst du zum Beispiel? Idealbilder etwa? Anforderungen aneinander (die perfekte Frau, der ideale Erzeuger…)? Lass uns das doch noch weiter beschnacken hier.

      Sei ohfamoos gegrüßt,
      Cornelia

  3. Liebe Cornelia,

    diese Frage nach den gesellschaftlichen Veränderungen und was sie bei uns und unseren Partnerschaften bewirken ist wirklich spannend! Deinen Verdacht, dass zum Beispiel durch die bei uns allen inzwischen generell „hohen Erwartungshaltungen“ oft nur noch nach Ideallösungen und möglichst perfektem „Matching“ gestrebt wird, teile ich. Sonst würden Portale wie Parship nicht so boomen. Ob das die Erfolgsaussichten auf langlebige gute Partnerschaften wirklich erhöht, sei dahingestellt… das Klischee „Gegensätze ziehen sich an“ stimmt ja auch oft – und wird durch optimale Angleichung der Interessen und Vorlieben bei der gezielten Suche mit engem Fokus und starren Algorithmen ziemlich ignoriert. Vielleicht sind es aber auch noch andere Faktoren: Sind wir (statistisch gesehen) durch unsere Schul-, Lern-, Arbeits- und Lebenskonditionierung inzwischen nicht egoistischer geworden als es noch zwei, drei Generationen zuvor war? Und damit sinkt dann die Toleranz gegenüber persönlichen Einschränkungen durch die Partnerschaft oder nervenden Verhaltensweisen der Partner? Bringt die heutzutage durch unsere Arbeits- und Lebensrealität erforderliche Flexibilität und Mobilität nicht automatisch auch eine niedrigere Hemmschwelle beim „Wechsel“ auch des Partners mit sich? Macht es die in vielen Berufen heute oft gleitende und schwerer planbare Unterscheidung zwischen Phasen der „Arbeit“ und „Freizeit“ schwieriger, uns ausreichend auf unsere Partner einzulassen und unbeschwert (und ohne das ständige Pling des Smartphones) miteinander (und nicht nebeneinander) zu leben? Es war wohl eine Mischung aus all diesem und noch mehr, was ich so diffus – und aus dem Bauch heraus – als „gesellschaftliche Einflüsse“ meinte.

    Ohfamoose Grüße zurück – und vielleicht melden sich ja noch andere zu Wort!

    Dieter

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