Kunst gegen Kälte statt Politik für Gerechtigkeit

Eine Frau, total engagiert, Autorin, Journalistin, Künstlerin. Sie spürt in der Politik den Schulz-Sog, steigt ein ins SPD-Schnellboot und will in der SPD Politik gestalten. Nach sechs Monaten hat Jeannette Hagen realisiert: Plattes Programm, Martin Schulz haut zu selten auf den Tisch. Und wir staunen, dass die SPD diese Frau ziehen lässt…

SPD, Schulz, Bundestagswahl, Kunst

Foto: STOLEN STREETART

Jeannette, Du bist Anfang des Jahres in die SPD eingetreten, um a) der AfD etwas entgegenzusetzen und b) weil Du dachtest, „dass die SPD neuen Wind braucht und daher auch ein bisschen Unterstützung“. Wie siehst Du das ein halbes Jahr später?
Bisher hatte ich wenig Gelegenheit, den neuen Wind wehen zu lassen. Ich war auf einigen Veranstaltungen, habe auch mit dem ein oder anderen gesprochen, muss aber gestehen, dass, nachdem ich das Programm der Partei gelesen hatte, mein Enthusiasmus irgendwie auf der Strecke geblieben ist.

Das Thema Gerechtigkeit müsste Dich doch ansprechen?
Sagen wir mal so: Ich hatte mir mehr versprochen. Eine kraftvolle Gegenposition zu dem, was in den letzten Jahren auf der politischen Bühne gespielt wurde. Ein Programm, dass an den Kern der Probleme geht, sie nicht weichspült, wie wir es seit Jahren kennen.

Mit ‚Gerechtigkeit’ gewinnt man meiner Ansicht nach keine Wahl. Das klingt in meinen Ohren platt.

Und es ist – meiner Ansicht nach – auch genauso. Das desillusioniert mich und wenn ich mir vorstelle, wie lange ich bräuchte, um innerhalb der Partei an eine Position zu kommen, von der aus ich wirklich etwas bewegen kann, dann muss ich mir selbst eingestehen, dass ich die zeitlichen Ressourcen dafür nicht habe.

Du hast selbst von den vielen Tigern gesprochen, die mit Riesen-Idealen gestartet sind und als Bettvorleger landeten. Wie siehst Du eine Diana Kinnert in der CDU, die dort seit geraumer Zeit die Partei doch ziemlich aufmischt?
Sie macht das großartig. Aber ein Blick in ihre Vita verrät, dass die Politik ihr Schwimmbecken ist. Ich dagegen bin in einer Seenlandschaft zuhause, um es mal bildhaft zu verdeutlichen. Da habe ich mir selbst auch ein wenig etwas vorgemacht. Ich denke, wenn man innerhalb einer Partei wirklich politisch etwas verändern will, dann ist das ein Fulltime-Job. Das ist völlig unabhängig davon, in welcher Partei ich mich engagiere, will sagen: Dafür kann die SPD nichts. Natürlich könnte ich mich jetzt an die Straße stellen, Wahlkampf machen, aber wie bereits gesagt: Dazu bin ich auch nicht genug überzeugt vom Programm.

Es gibt also auch andere Typen in der Politik als die „vielen Schnarchnasen“, die Du nun erlebt hast?
Ja, natürlich. Tim Renner hier aus Berlin ist ein gutes Beispiel dafür. Er ist witzig, charmant, präsent und will auch wirklich etwas bewegen.

Für viele andere scheint die Partei eher eine Art Verein zu sein. Man trifft sich, es ist gesellig, man beschließt was, aber man kocht im eigenen Sud.

SPD, Politik, Kunst

StiftungsGmbH: Kunst gegen Kälte

Wo kannst Du Deinen Idealismus ausleben, wenn nicht im Politikbetrieb?
Das ist ein wichtiger Punkt, denn irgendwo muss er ja hin. Ich habe für mich nochmal genau hinterfragt, worum es mir denn eigentlich geht. Und es ist „Aufmerksamkeit“. Aufmerksamkeit für Themen, die Beachtung verdienen. Das ist ja auch ein Grund, warum ich Journalistin geworden bin. Manchmal muss es mit der Aufmerksamkeit aber eben schnell gehen.

Aber das kann der Politikbetrieb doch auch…
Er kann unterstützend sein, aber an vielen Punkten eben nicht als Initiator dienen. Darum habe ich mich vor einigen Wochen dazu entschlossen, eine gemeinnützige StiftungsGmbH zu gründen, die Kunst und Engagement zusammenbringt. „Kunst gegen Kälte“ wird hoffentlich eine Leerstelle füllen, die ich aktuell wahrnehme.

Was empfindest Du als so leer?
Ich fühle, dass Kunst immer weniger politisch ist. Dabei brauchen wir das gerade jetzt so dringend. Ich war kürzlich in Berlin und habe einen Neonazi-Aufmarsch beobachtet. Es gab zwar viele Gegendemonstrationen, aber ich hätte mir gewünscht, dass es schon im Vorfeld eine große Gegenstimme aus dem Munde von Künstlern gegeben hätte. Der kürzlich verstorbene Martin Roth hat es 2016 in einem Interview mit der Zeit ganz deutlich formuliert: Deshalb wundert es mich sehr, dass in Deutschland so gut wie niemand aus der Kultur und Kunst gegen den zunehmenden Nationalismus, den xenophobischen Hass aufsteht.“ Ich möchte aufstehen. Immer wieder. Und da ist mir der laue Ruf nach „Gerechtigkeit“ zu wenig.

Wie groß ist die Chance für Martin Schulz, am 24. September Angela Merkel abzulösen?
Ich denke, dass die Deutschen auf Beständigkeit setzen und Angela Merkel in die nächste Runde geht. Die Masse meckert zwar und ist unzufrieden, am Ende machen sie dann aber doch ihr Kreuzchen dort wo sie am wenigsten Veränderung erwarten.

Woran machst Du das fest?
Wir sehen doch an der Art und Weise, wie defensiv der Wahlkampf geführt wird, dass selbst die Politiker irgendwie wie beim Mikado aufpassen dass bloß nichts wackelt. Eine ganz schreckliche Situation. Ich hatte mir von Martin Schulz erhofft, dass er mit der Faust auf den Tisch haut, das tut er ja zuweilen auch, aber es bringt die SPD in der Wählergunst nicht voran. Das heißt nicht, dass ich mir es nicht trotzdem noch wünsche. Aber ich denke eben auch, dass die Veränderungen, auf die ich hoffe, nicht durch die SPD eingeleitet werden. Dazu brauchen wir wahrscheinlich eine ganz neue Partei oder eine Bürgerbewegung all jener, die so wie ich langsam den Glauben daran verlieren, dass Politik wirklich im Sinne der Belange der Menschen und des Planeten betrieben wird.

Wir glauben: Jeannette Hagen wird mit ihrem Kunstprojekt sicher glücklicher als mit Politik. Und wir möchten an dieser Stelle auf ein spannendes neues Buch hinweisen, das der stellvertretende Chefredakteur der ZEIT ganz aktuell veröffentlicht hat: In ‚Guten Morgen, Abendland’ entwirft Bernd Ulrich ein Epochenbild, das für die politische Kultur unseres Landes wichtig zu sein scheint. Es ist so neu, dass wir es noch nicht ganz gelesen haben, es klingt jedoch ohfamoos!

Fotos: STOLEN STREETART; privat

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.