Wo Journalisten ausruhen – wenn Politiker in Urlaub sind

Gebt mal Ruhe – so heißt der Titel eines Beitrags von Stefan Kornelius, der die Sommerpause von Politikern beleuchtete. Fand ich gut und amüsant geschrieben. Das brachte mich auf die Idee, den Ressortleiter Außenpolitik der Süddeutschen Zeitung zu fragen, wie er Politikern denn selbst Ruhe gönnt. Und ein paar andere befreundete Journalisten gleich mit…

Vorab: Ich finde Leerlaufphasen sehr wichtig. Gebe aber zu, dass sie mir anfangs meist abwegig vorkommen, weil ich normalerweise immer irgendwie rum „wusel“. Ich setze mich hin und denke: Eigentlich könnte ich jetzt dies und das machen… Schaffe ich es jedoch Stille aufzutanken und mir bewusst Zeit für Gedankenspiele und Reflexion zu nehmen, dann bin ich danach stets viel kreativer. „Selbstfürsorge“ nennt das Gina Schöler, die selbsternannte Glücksministerin. Erst durch eine „Mischung aus Power und Pausen“ würden so viele neue Ideen und Projekte entstehen, schreibt sie in ihrem aktuellen newsletter, der oft sinnvolle Gedankenanstöße gibt.

Zurück zum Thema und der Frage: Wie also halten es Nadja Kriewald von n-tv, Daniel Goffart vom Focus-Magazin, Robert Birnbaum vom Berliner Tagesspiegel, Thomas Rietig, freier Journalist in der Bundeshauptstadt und eben Stefan Kornelius aus München mit dem Thema Innehalten/Abschalten?

Zuerst die Lady, Nadja Kriewald, die bei n-tv den Auslandsreport leitet und moderiert. Sie antwortet:

Nadja Kriewald, N-TV, Auslandsposten

Nadja Kriewald, n-tv

„Ein Urlaub ohne den Job mitzunehmen – fast unmöglich. Nicht nur, weil ich die Mails dann doch immer lese alle paar Tage und die Nachrichtenlage verfolge. Und egal wohin ich reise, irgendwo ist immer Krise, sind immer spannende Menschen und Geschichten. Wie oft habe ich schon im Urlaub Kontakte gemacht für eine spätere Reportage-Reise. Bei der Rucksacktour in Kambodscha bin ich über den massiven Kindesmissbrauch durch ausländische Touristen gestolpert. Das Thema hat mich nicht losgelassen. Später bin ich mit meinem Kameramann dorthin gereist, habe mit Fahndern, Opfern und Tätern gesprochen. Oder umgekehrt die griechische, obdachlose Familie, die ich auf einem Dreh kennen gelernt und später im Urlaub mit der Familie besucht habe. Nervt das, hindert das am Abschalten?

Nein, der Job ist bei mir nicht nur Broterwerb, sondern er gehört zu mir, ist ein Teil von mir. Und meine Familie hat sich daran gewöhnt. Wenn ich dann im Urlaub in Sri Lanka mal drehe und Interviews führe – zumindest meine Tochter findet das immer wieder spannend.“

Stefan Kornelius, Leiter des Ressorts Außenpolitik der SZ, macht es kurz und knackig: 

Stefan Kornelius, Leiter des Ressorts Außenpolitik der SZ

Stefan Kornelius, Leiter des Ressorts Außenpolitik der SZ

„Ruhe gibt es in diesen Tagen nur mit Hilfe einer gewaltigen Willensanstrengung. Einfach keine Mails lesen, einfach den 24/7-Strom an Nachrichten an sich vorbeiziehen lassen, einfach alles liegen und stehen lassen. Ob das am Ende so einfach ist? Erfahrung hilft auch:

Nach drei Wochen gibt es die Welt in der Regel noch immer.“

Daniel Goffart, Buchautor, Journalist, Moderator, findet es im Sommer in Deutschland und den Nachbarländern besonders schön:

 „Da ich ja viel unterwegs und auf Reisen bin und im Alltag außerdem ständig sitze, steige ich in den Ferien gerne aufs Rad. Einmal bin ich über die Alpen gefahren, einmal habe ich den Radweg Berlin-Kopenhagen gemacht und in diesem Jahr bin ich die Vennbahn-Trasse von (meiner schönen Heimatstadt) Aachen aus bis nach Troisvierges in Luxemburg durch Eifel und belgische Ardennen gefahren. Kleine Abstecher zum Rursee, in das Hohe Venn oder nach Spa in Belgien runden das Programm ab. Die Vennbahn war eine alte Eisenbahnlinie, die längst nicht mehr in Betrieb ist.

Daniel Goffart, Buchautor, Journalist, Moderator,

Daniel Goffart, Buchautor, Journalist und Moderator

Die Trasse wurde vor einigen Jahren als Radweg ausgebaut. Der Vorteil: Man fährt abseits von Straßen quer durch die unberührte Natur der Eifel und der Ardennen. Außerdem konnten damals die alten Dampfloks nicht mehr als drei Prozent Steigung schaffen… Nach der knapp einwöchigen Radtour bin ich dann mit Rad und Zug über Lüttich, Brüssel und Gent nach Cadzand in Holland gefahren, um da noch eine Woche am Meer zu verbringen – ganz so wie ich es schon als Kind gemacht habe, allerdings ohne Sandschaufel, Sieb und Förmchen….. Aber mit Eiscreme am Strand!

Kann ich abschalten? Ja! Natürlich schaue ich einmal morgens und einmal abends auf das Mailfach und die Nachrichtenseiten im Internet und kaufe auch gelegentlich Zeitungen und Magazine – aber irgendwie ist dann der Berliner Politik-Zirkus weit von mir weg.“

Robert Birnbaum ist Reporter der Parlamentsredaktion des Berliner Tagesspiegels und liebt ebenfalls das – Fahrrad:

Robert Birnbaum

Robert Birnbaum, Reporter der Parlamentsredaktion des Berliner Tagesspiegels

„Man nehme: Ein Fahrrad, eine grobe Zielrichtung und am Lenker ein altes wasserfestes Smartphone mit einer Navigationsapp, aber ohne Telefonkarte. Es dauert zwischen 20 und 80 Kilometer, bis Namen wie „Merkel“, „Seehofer“, „Schulz“ oder „Lindner“ mitsamt den dazugehörigen Gesichtern sachte in Richtung Neocortex wandern, wo sie sich mit anderen Gedächtnisbrocken zu einem angenehm diffusen Brei vermischen. Bergauf geht es schneller.

In hartnäckigen Fällen – du hast gerade drei Tage G20 hinter dir mit einem Hotel drei Steinwürfe von der „Roten Flora“ entfernt – empfiehlt sich eine erhöhte Anfangskilometerdosis. Spätestens am zweiten Tag auf dem Sattel ist wieder klar, was wirklich zählt im Leben: Kein Wadenkrampf, ein Dorfgasthof mit warmer Mittagsküche, die Elbfähre, die auch abends noch fährt, der Storch im Acker direkt nebenan, ein Bett. Und immer noch kein Wadenkrampf.“

Thomas Rietig, der ab und zu auch für ohfamoos schreibt hatte einen “denkbar simplen“ Sommer-Urlaub zuhause:

„Ich mache in diesem Sommer keinen Urlaub. Aber ich habe mir vorgenommen, kürzer zu treten und nur noch Dinge zu tun, die Spaß machen und (möglichst) Geld bringen.

Thomas Rietig

Thomas Rietig, freier Journalist in der Bundeshauptstadt

Einige Dinge, die letztlich unbefriedigend waren, obwohl sie Geld brachten, habe ich diesen Sommer abgesagt. Das konnte ich nur teilweise durchhalten, weil familiäre und persönliche Zwischenfälle dazu kamen, die mich dann doch wieder in Stress versetzten.

Dafür machen wir dieses Jahr im Dezember ‚richtigen’ Urlaub. Unser jüngerer Sohn studiert dort – ausgerechnet in: Charlottesville! Mitte August ist er dort angekommen. Da der Urlaub dann in den Vereinigten Staaten stattfindet, ist es schon wegen der Zeitverschiebung relativ einfach, den beruflichen Alltag hinter sich zu lassen.

Kleine Sommerausflüge in der parlamentsfreien Zeit führten uns in unseren Zweitwohnsitz, der in Bayern in einer Gegend liegt, die mit relativ schlechter Internetversorgung ‚gesegnet’ ist. Der Segen hat aber bald ein Ende, da die Schaltkästen für die Breitbandzukunft schon in der Dorfstraße stehen. Aber ehrlich gesagt, teile ich dieses Gejammere über das ständige Erreichbar-sein-müssen nicht. Obwohl ich allen Leuten sage, dass ich am Handy 24/7 erreichbar bin wissen fast alle, was sich gehört. Ich kann mich zwar an ein stundenlanges wichtiges Konferenzschaltungs-Telefonat mit meinen Chefs in einem Irlandurlaub vor einigen Jahren erinnern, das auch inhaltlich nicht zur Urlaubsfreude beitrug – aber das ist ein Einzelfall geblieben.“

Wer den Artikel über die Ruhepausen der Politiker noch einmal nachlesen möchte, kann dies hier tun.

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