Digitalisierung – und wo bleibt der Mensch?

Digitalisierung – einer der Mega-Trends, der spaltet und herausfordert. Keine Tageszeitung, die es nicht streift, keine Facebook-Timeline ohne digitale Bezüge, kein Kundengespräch ohne digitalen Blickwinkel. Digitalisierung ist DAS Thema unserer Zeit. Und verändert die Arbeitswelt gerade mit Wucht. Viele sind verunsichert. Wie menschlich können Abläufe zwischen Bites und Bytes noch sein? Wie geht Führung in dieser neuen Arbeitswelt, wie kann der Mensch diese Arbeit noch bewältigen?

Immer häufiger erleben wir, dass in Unternehmen Themen zurückgestellt werden, um Raum, Zeit und Ressourcen für digitale Veränderungen zu schaffen. Oft sind hiervon Themen betroffen, die gerade in Zeiten der Digitalisierung von großer Relevanz wären, wie bspw. Gesundheitsmanagement oder Führungskräfteentwicklung. Andrea Lawlor und Christine Kempkes haben sich auf diese Themen spezialisiert und für ohfamoos diesen Gastbeitrag geschrieben.

Dass Digitalisierung und Technisierung sehr „menschelnde“ Auswirkungen haben, zeigt dieses Beispiel: Neulich in einem Kurz-Seminar zum Thema Digitalisierung & Führung. Wir sprechen über das Große und Ganze, über Auswirkungen der Digitalisierung auf den Führungsalltag. Die Frage eines Teilnehmers offenbart, dass die Herausforderung im Kleinen und Halben liegt: er möchte in seinem Unternehmen Home Office-Arbeit einführen und kämpfe mit den Schranken in den Köpfen der Führungskräfte. Die fragten sich nämlich, ob denn dort tatsächlich gearbeitet werde oder die Mitarbeiter lieber ihre Zeit am See oder mit Kinderbetreuung verbrächten.

Bäääm.

Da ist es wieder, dieses Misstrauen. Diese Denke, Mitarbeitende könnten das Vertrauen missbrauchen, wenn die Leine lang wird. Was schon vor 40 Jahren Thema war, spült die Digitalisierung dank neuer technischer Möglichkeiten an die Oberfläche. Die Herausforderungen unseres digitalen Zeitalters sind häufig ganz analog.

Arbeit früher und heute – ein Vergleich

Vor 40 Jahren wurde morgens die Post gesichtet; die Aufgaben wurden dann durch den Chef an die Mitarbeitenden verteilt. Wer Aufgaben im Team lösen wollte, verabredete sich zu einer Arbeitssitzung. Heute empfangen wir rund um die Uhr (elektronische) Post, die in Windeseile in bestehenden Prozessen berücksichtigt werden müssen. Wer Aufgaben im Team lösen möchte, kann dies analog oder via Webkonferenz tun.

Vor 40 Jahren kommunizierten Chefs mit ihren Mitarbeitenden direkt oder per Telefon. Heute funktioniert Kommunikation jederzeit, rund um die Uhr, auf den verschiedensten Kanälen.

Vor 40 Jahren saßen Chef und Mitarbeitende in einem Büro, maximal durch eine Wand getrennt. Heute müssen sich Führungskräfte und Mitarbeiter weder Büro noch Zeitzone teilen.

Digitalisierung heute

 

Doch bei aller Unterschiedlichkeit der Arbeitswelten gilt dies nach wie vor: Menschen arbeiten mit Menschen! Trotz Digitalisierung! Mehr noch: Die neuen technischen Möglichkeiten zwingen uns, den Fokus wieder auf ganz essentielle menschliche Grundbedürfnisse zu richten!

Uns Menschen vereinen Bedürfnisse

Wir haben ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Ob in der Familie oder im Beruf: wir sehnen uns nach gelingenden Beziehungen, nach Kontakt zu Anderen, nach Gesellschaft. Wir möchten dazu gehören. Zu einer Gruppe, zu einem Team. Für Digital Leadership bedeutet das, auch über größere Distanzen, wie z.B. Home Office, Menschen das Gefühl zu geben, Teil eines Teams zu sein. Auch die Mitarbeitenden im Home Office an Entscheidungen teilhaben zu lassen und ihr Know-How einzubringen.

Wir haben ein Bedürfnis nach Anerkennung und gesehen werden in dem, was uns als Mensch einzigartig macht. Wir möchten Wertschätzung erfahren, und zwar aufrichtig und wahrhaftig. Auf Digital Leadership übertragen heißt das, dass auch bei selteneren persönlichen bzw. virtuellen Kontakten ein bewusster Austausch auf menschlicher Ebene wichtig ist. In Mails bspw. auf die Zwischentöne zu achten. Besonders sensibel mit der Wortwahl umzugehen, wenn Worte schwarz auf weiß durch’s Orbit fliegen.

Und: Wir haben ein Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Kaum jemand möchte bevormundet werden, sondern selbstverantwortlich leben und arbeiten. Und genau da liegt die Crux im Zeitalter der Digitalisierung. Was früher einfacher möglich war, nämlich die Menschen engmaschig zu kontrollieren, ist heutzutage schwieriger. Digitalisierung ermöglicht – übrigens nicht nur im Home Office – autarkes Arbeiten.

Ein Beispiel: Wenn wir vor 25 Jahren einen Brief formuliert haben, brauchten wir darunter die 2. Unterschrift unserer Vorgesetzten. Bis sie ihr Placet gegeben hat, vergingen mitunter zwei Reviewschleifen und am Ende war es mehr ihr als unser Brief. Heute verschicken Menschen Mails anstelle von Briefen und können ganz autark auf „senden“ klicken, ohne dass der Chef das letzte Wort hat.

Vertrauen als Schlüssel

Beide Beispiele – Home Office und Brief – zeigen: Digital Leadership braucht unbedingt Vertrauen! Das Vertrauen in Menschen und ihre positiven Absichten, dass sie ihre Handlungsspielräume im produktiven Sinne nutzen statt ausnutzen. Dass Arbeitsergebnisse zählen, egal wo und auf welchem Weg sie entstanden sind.

Wir möchten sogar noch einen Schritt weitergehen: Vertrauen ist DER Schlüssel für echte Innovationen. Nur wer Handlungsspielräume hat, wem etwas zugetraut wird, wer wirklich frei denken und handeln darf, ist zu kreativen und innovativen Prozessen fähig. Und genau das ist in der heutigen digitalen, schnelllebigen Zeit der Erfolgsfaktor für Unternehmen, die am Markt bestehen wollen.

Digitalisierung braucht also vor allem eins: analoge Sparringspartner – Vertrauen, Wertschätzung und Selbstbestimmung.

Andrea Lawlor und Christine Kempkes setzen sich mit ganzem Herzen für eine gesündere, menschlichere und damit erfolgreichere Arbeitswelt ein. Hierzu beraten sie Unternehmen zu einem erfrischend anderen Gesundheitsmanagement und bilden Führungskräfte & Personaler in punkto gesunder (Selbst-) Führung weiter.

www.2-care.de

 

Text: Christine Kempkes und Andrea Lawlor

Fotos: privat (Sarah Vogel Photography), Pixabay

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