ohoo-Stammtisch, heute: Ist Hermann Gröhe ein „Depp“?

Ein Vormittag am Wochenende. Wir vier irgendwo zwischen Nord und Süd. Parallel zu unserem Blog pflegen wir auch eine WhatsApp-Gruppe. Da geben wir gern Links zu spannenden Artikeln zum Besten, lachen über Witze oder geben uns Zuspruch, wenn es bei einer mal nicht so gut läuft. Als Sonja diese Spiegel-Kolumne von Jan Fleischhauer mit einem harmlosen „Schon gelesen?“ teilt, geht die Post ab…

Cornelia macht den Auftakt: „Großartig, wenn Journalisten ihre Meinung und ihr Wissen, ja fast sympathisch, aufschreiben und damit anbieten einen Schritt weiter zu denken. Der Satz der Angela Merkel zeigt ein Dilemma von Machtvollen, die es schon lange sind und bleiben wollen: Die scharen nur die um sich, die den Thron ehren und in seinem Windschatten ihre eigenen Vorteile sicherstellen wollen. Dadurch werden wohl die machtvollen drei Affen in einem und gelangen zu der irrigen Annahme, dass sie fast alles richtig machen, obwohl längst nicht alle das unterstreichen. Das ist der Fehler im System. Und die Geschichte mit Bosbachs Bitte nach einem Auto: Deutschland, Land der Prinzipienreiter und Obrigkeiten. Genau das ist mir schon immer so fremd. Danke für diese Morgenlektüre!“

Elke erwidert: „Ladies, ich gebe zu, die Beispiele sind prägnant. Und ich kenne sowohl Bosbach etwas, Gröhe auch persönlich – aus alten CDU-Zeiten duze ich den „Deppen“ sogar. Solche Beiträge tragen für mich zur Politikverdrossenheit bei. Nichts anderes. Es gibt zig Beispiele, wo sich Menschen in ganz bestimmten Situationen gut und schlecht verhalten. Man muss aber die Umstände sehen und das, was solches Verhalten bewirkt. Weiß Herr Fleischhauer, der in seinen Kolumnen sehr gern drauf schlägt, warum das Verhältnis zwischen Gauland und Gröhe so war? Ich kritisiere Gröhe auch für manches, aber er hat sehr guten Seiten, z.B. weiß ich aus sicherer Quelle, wie er sich gegenüber Peter Hintze bis zu dessen Tod vor einem Jahr verhalten hat. Das muss man erst mal leisten in so einer Position.

Einen Menschen zum Deppen zu degradieren – ich finde das schlägt eindeutig zurück. Was wir heute brauchen ist ein nach VORNE gucken.

Ich wünschte Frau Merkel, und uns Wählern, auch ihren Ruhestand. Ganz persönlich für sie, sie hätte es verdient, aber auch damit wir wieder Visionen sähen. Doch könnt ihr euch vorstellen, was medial los wäre, wenn sie jetzt ginge? Nicht nur Herr Fleischhauer würde ausflippen. Ich glaube Jamaika wird einiges bewirken, vielleicht letztlich sogar eine Verjüngung an der Spitze… aber geben wir den Leuten doch etwas Zeit!“

Sonja ist anderer Meinung: „Aber Elke, das sind doch nur Beispiele und ich kann wirklich keine Nr. 2 in der CDU erkennen. Und was Jamaika angeht, wann will man denn anfangen? Die Grünen und die FDP warten. Die CDU muss doch auch diese Variante in ihre Visionen einbezogen haben, oder vielleicht doch nicht? Weil, dann dauert es noch sehr lange…

Elke erklärt: „Sonja, ich sehe wie Du große Fehler, wie fast in jeder Partei, dass junge Leute nicht früh genug aufgebaut werden! Stimmt absolut, ich wende mich nur deutlich gegen „nur 2 Beispiele“. Ich finde Fleischhauers Stil fies. Dieser Stil ist nicht besser als der, den er mit Recht beklagt. Und parallel lese ich einen älteren Artikel aus der Welt am Sonntag mit der Überschrift: „Die stille Wut der Doris Köpf“. Wahnsinn! Jetzt beklagt diese Frau einen „Stil“, den sie haargenau der damaligen Ehefrau Hiltrud Schröder angetan hat. Manchmal frag ich mich echt, was die Leute geraucht haben. Ok, anderes Thema, aber wo wir gerade bei Stilfragen sind…“

Melanie, ausnahmsweise mal nicht in Sydney sondern in ihrer Heimat, der Pfalz, schaltet sich ein: „Warum ich Merkel die Stange halte? Warum gibt sie nicht auf? Ich finde sie ist einfach sehr gebildet, dazu gehört auch ihre emotionale Intelligenz. Es fehlt einfach an gebildetem Nachwuchs – in der Politik und in der Gesellschaft. Ich bin echt geschockt, wie dumm die Menschen geworden sind. Aber bitte – mit „Deppen“ und „Fresse“ kommt man ins Rampenlicht. Nicht mit Friedensbemühungen.

Sonja kann man fast seufzen hören: „Sehr wahr. Leider ☹.“

Melanie ist in Fahrt: „Das zieht sich durch alle Ebenen der Gesellschaft. Und leider sind wenige schlaue Menschen in 2. Reihe bei der CDU. Ich glaube, dass Frau Merkel selbst auch nur nochmal angetreten ist weil sie keinen sieht, der das so kann. Und Recht hat sie.

Stellt euch mal einige der Akteure auf Weltpolitik-Ebene vor…

Frieden war vor 100 Jahren die kurze Zeit zwischen dem Krieg – heute eine ‚Selbstverständlichkeit’ und Dauerzustand. Das kommt nicht von nichts.

Elke entgegnet: „Schön, wie wir ringen. Und ich glaube wir alle kennen die 2. Reihe viel zu wenig, weil sie eben die „Fresse“ nicht aufreißen!“

Melanie ergänzt: „Nehmen wir die die Grünen, die ich mag, keine Frage. Aber es geht hier mehr als nur um innenpolitische Themen. Den großen Überblick haben nur wenige. Zum Beispiel haben meines Erachtens Martin Schulz und auch Frau Schwesig das nötige Feingefühl aber zu wenig Populismus. Aber jetzt schauen wir mal, ob was rumkommt. Im Moment scheinen die ja hauptsächlich in Talk-Shows zu sitzen…

Elke sieht das anders: „Ja, das denkt man schnell, ist aber nach meiner Kenntnis bei weitem nicht so. Darüber sprechen aber die Schlauen nicht, denn dann wird es von den weniger Klugen schnell zerredet.“

Cornelia hat länger geschwiegen, ist nun wieder ganz da: „Natürlich ist es kühn zwei Beispiele zu pointieren, derer es wohl zig gibt. Woran sonst soll man aufzeigen, was das große Ganze ausmacht? Und nie kennt man wirklich alle, alle Details.

Deutschlands Spitze ist selbstgefällig und das ist ein Problem. Mir fehlt insgesamt der erklärte Schulterschluss.

Mit- statt gegeneinander. Einige Grüne in Niedersachsen rühmen sich nicht mit gutem Verhalten und einer merkwürdigen Sprache, leider. Das Fatale am politischen Gerangel ist oft viel weniger der Kampf um die Sache sondern gegen Andere. Das bremst Entwicklung und Kooperation, die wir so dringend benötigen. Die Absage der SPD finde ich zwar konsequent; aber wie viel Populismus-Motiv steckt dahinter?“

Sonja bringt ein: „Ich wurde auf Twitter gefragt wann wir zur Wahl antreten … wäre vielleicht gar keine schlechte Idee 🙂 “

Cornelia, freudig: „Yeah, leite das doch auf Facepook… Lasst uns eine Partei gründen. Hust…“

ohfamoos, logo, StammtischElke, abschließend : „Du bringst es für mich gut auf den Punkt, Cornelia! Das, was mich an der Spiegel Kolumne stört, ist nicht, dass er nur zwei Beispiele bringt, sondern dass sie für mich ein Gegeneinander bewirken. Es bringt auf statt Verständnis zu wecken. – Und wegen Partei; ich hab allen Ernstes zwei Freunde, mit denen ich 1990 anfing, Politik zu machen, gefragt ob wir genau darüber mal brainstormen sollten…“

Wir hätten noch LANGE unsere ohfamoose Unterhaltung weiter führen können. Aber Cornelia musste einkaufen, Melanie war ja im Urlaub, Sonja musste zum Sport und Elke war zum Mittagessen verabredet. Aber wir dachten, Euch würden unsere Gedankengänge interessieren. Gute Idee so etwas mal aufzuschreiben? Dann machen wir gern mit diesem „Stammtisch-Geplänkel“ künftig weiter..

Foto: Chiara Pinna on Unsplash, ohfamoos

3 Gedanken zu “ohoo-Stammtisch, heute: Ist Hermann Gröhe ein „Depp“?
  1. Ich stelle mir oft die Frage: Was erwarte ich von der Politik im Allgemeinen und von Politikern im Besonderen. Die Frage ist für mich auf der einen Seite leicht zu beantworten, auf der anderen Seite steht und fällt alles mit der Hardware.

    Die einfache Antwort ist: Ich erwarte von der Politik und den Politikern ein pragmatisches ideologiefreies Regieren unter der Maßgabe der Wirtschaftlichkeit. Das ist aber gleichzeitig das große Problem. Pragmatiker mit Sachverstand sind selten. Meist findet man sie eben nicht in den vordersten Reihen. Die sind gefüllt mit Narzissten, Populisten und „Kompetenzsimulanten“, alle bestrebt das Beste für sich herauszuholen.

    Nie war das Gejammer um verlorene Pfründe so laut und so offen zu vernehmen, wie in diesem Bundeswahlkampf. Es ging nie um die wirklich wichtigen Themen. Es ging um den Aufbau eines „Feindbildes AfD“. Eigene Fehler einzugestehen oder eigene Visionen zu propagieren hätte mal wieder gut getan. Aber nein, Tenor war: Wir haben alles gut gemacht, Fehler machen nur die Anderen.Gedacht wurde: überstehen wir den Wahlkampf und danach machen wir so weiter.

    Was kam rüber? Forderungen, die nicht erfüllbar sind, technisch nicht umsetzbar oder gar weltfremd ideologisierend aus dem Wolkenkuckucksheim ohne Chance auf vorgenannte Kriterien in den Raum gestellt werden. Das übrigens können alle Parteien ganz gut. Einfach nur traurig.

    Was ich nicht will, und genau das hat über die Jahre immer größeren Anteil eingenommen, Politik um der Politik Willen, Weltherrschaftsphantasien, Kontroll- und Regelungswut.

    Die Evolution ist in dem Bereich schon lange ausgehebelt. Darwins „Life for the fittest“ sollte Personalentscheidungen beeinflussen. Aber das Gegenteil ist der Fall Immer Größer ist der Anteil Derer, die sich dazu berufen sehen, ohne Sachkenntnis und Lebenserfahrung, dafür aber mit übergroßer Hybriss und intrigantem Potential eine Gattung zu erschaffen, die ich „Berufspolitiker“ nennen möchte. Eine in meinen Augen lebensuntaugliche Gattung. Einzig und allein in dem Habitat Politik überlebensfähig, ohne eigene Meinung, Mehrheitstolerant, Fähnchen im Wind der Lobbyisten.

    Was ich mir wünsche sind Politiker mit Rückrat wie Wolfgang Bosbach. Unbequem, ehrlich und pragmatisch, mit einem Charisma ohne dabei überheblich zu werden, mit Lebenserfahrung und Sachverstand. Politiker die tatsächlich in der Lage sind, die ihnen auferlegten Aufgaben bestmöglich zu bewältigen.

    Und ich wünsche mir
    – ein deutliches Mehr an Bürgerbeteiligungen,
    – Gesetze ohne wenn und aber, von jedem Bürger ohne anwaltliche Hilfe zu verstehen, unter
    der Maßgabe der Wirtschaftlichkeit und absoluten Notwendigkeit
    – ein einfaches Steuerrecht ohne Ausnahmen oder Subventionen
    – und vieles mehr, oder vielmehr viel weniger Staat, viel weniger Kontrolle, viel weniger Bürokratie

    Eure Stammtischdiskussion finde ich interessant. Ich habe aber auch herausgelesen, das politische Arbeit zumindest nach Elkes Verständnis nicht das ist, was ich unter politischer Arbeit im besten Sinne verstehe. Unter politischer Arbeit verstehe ich nicht Parteiquerelen oder Personaldiskussionen aufgrund interner Versprechungen und Intrigen. Dies ist nicht Politik. Das ist ordinäre Postenschacherei und narzisstische Selbstdarstellung.

  2. Ich glaube dass sich alle Parteien erneuern müssen. Diese sind – da gebe ich Karsten Schürmann recht – verkrustet. Die FDP konnte sich erst in der Opposition erholen.

    Bin ebenfalls ein großer Fan von den Thesen des Herrn Bosbach und finde sein Engagament stark. Das, was so große Organisationen aber auch brauchen, sind tragfähige Strukturen, ich habe es selbst erlebt und war davon schon Ende der 90er Jahre NICHT angetan. Am 19. Oktober wird ein Freund von mir hier auf ohoo über das berichten, was aus seiner Sicht nötig ist um etwas erfolgreich zu gründen. Vielleicht sollten sich das auch und gerade Politiker mal ansehen und zu Herzen nehmen.

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