Brichbag – ein Rucksack für die Würde

Stell dir vor, nur mal kurz – du hättest kein Dach über dem Kopf. Kein warmes, sauberes Bett, in das du nach einem langen Tag schlüpfen kannst. Keine Dusche, die dich morgens erwartet. Und einen Kühlschrank voll mit deinen Lieblingsyoghurts auch nicht. Bei 10 Grad minus oder 33 Grad Hitze. Tagein, tagaus. Rund 350.000 Tausend Menschen leben so; bald eine halbe Million. Mitten unter uns.

Obdachlosigkeit ist für die meisten von uns unvorstellbar. Für die Betroffenen vor allem: entwürdigend. Sina Trinkwalder, Sozialunternehmerin aus Augsburg, schenkt ihnen mit ihren BRICHBAGs Würde. 

BRICHBAGs, das sind Rucksäcke prall gefüllt mit Hygiene-Artikeln, warmen Socken und Nährendem. Sie sind die „Brücke zwischen Arm und Reich“, so Sina, deren Leitmotiv dafür lautet: „In unserer Gesellschaft darf es Menschen unterschiedlich gut gehen, niemandem aber schlecht“. Die Idee für ihr großes Engagement entstand in Gesprächen und Erlebnissen mit Menschen, die auf der Straße leben. Sie begriff: Weniger die fehlende Wohnung und die Arbeit sind das drängendste Problem. Es sind der Mangel an Selbstwertgefühl und Hygiene, die die Menschen ausgrenzen. Einer ihrer Gesprächspartner formulierte es so: „I bin koa Assozialer, aber so gschauts aus!“

Sina Trinkwalder, Gründerin und Initiatorin von BRICHBAG

Coole Rucksäcke statt flattriger Plastiktüten

Sina Trinkwalder krempelte also mal wieder die Ärmel hoch, denn Machen ist ihr Ding. Und sie tüftelte an wasserfesten und schmutzabweisenden Rucksäcken, in denen die Habseligkeiten der Menschen gut behütet sind. Keine Plastiktüten mehr! Für das Material fand sie schnell einen Sponsor: das Familienunternehmen Warema. Die beliefern Sina nämlich mit Acryl-Verschnittresten für Markisen, die sonst auf dem Müll gelandet wären. Ganz nebenbei (tatsächlich voller Absicht) wird hier auch noch Nachhaltigkeit par exellence gelebt! Mit geschicktem Händchen und Liebe fürs Detail sind richtig schöne Rucksäcke und weitere Produkte entstanden, wie Shopper- und Weekendtaschen sowie Stiftemäppchen,

Sinnvoll gefülltes Goodiebag

Ok, mit den Rucksäcken war ja ordentlich etwas geschafft. Nun ging’s an den Inhalt. Was ist wesentlich, was muss rein? Hygieneartikel wie Mundwasser, Seife und Desinfektionsspray sind wichtig. Haltbare Nahrungsmittel wie Studentenfutter, Trockenfrüchte und Instant-Pulverkaffee. Sina klapperte also Unternehmen quer durch die Republik ab und warb für ihre Idee. Sie konnte z. B. Alnatura, Dr Hauschka und Reformhaus begeistern, sich mit zu engagieren. Und kürzlich kamen Unternehmen sowie Privatleute aus eigenem Antrieb dazu. Sie lieferten Regenschirme und Wollsocken. Das Engagement der Einen macht also Schule!

Gut 750 Rucksäcke fertigte Sina in ihrer Augsburger Nähwerkstatt bei Manomama bislang mit ihren Näh-Ladies. Mit Hilfe von vielen Ehrenamtlichen wurden diese in den Straßen von Nürnberg, Berlin und Hannover an Menschen ohne Obdach verteilt. Und das ist erst der Anfang.

Leg‘ einen BRICHBAG untern Weihnachtsbaum

Die gut 750 prall gefüllten BRICHBAGs verhelfen ebenso vielen Menschen am Rande der Gesellschaft zu etwas mehr Würde. Von rund 545.000 Wohnungslosen sind 70.000 -80.000 obdachlos; die wollen alle noch versorgt werden! Mit jedem BRICHBAG, den wir kaufen, kann ein weiterer genäht und verschenkt werden. Und mit dem Tragen dieses ohfamoosen Rucksacks setzen wir außerdem ein Zeichen! Mir daher gefällt, was ich auf brichbag.de lese:

Wir geben Obacht auf alles Wertvolle, was am Rand übrig scheint: Menschen und Material. Zusammengebracht ist es der erste Schritt zurück ins zweite Leben.

Kürzlich schlenderte ich mit meiner 15jährigen Tochter durch Hamburg und sah in einem Moment die üppig-glitzernden Schaufenster, im nächsten das „Zuhause“ eines Obdachlosen. Ich dachte an Weihnachten, seine Konsumschlachten und Müllberge. Mein Herz zog sich zusammen. Da begann meine Tochter ein kurzes Gespräch über gesellschaftliche Werte und Verantwortung. Wir stellten uns auch unser Zuhause an Weihnachten vor: warm geheizt, brennende Kerzen. Der Kühlschrank voll mit Leckereien, alle Lieben am großen Tisch. Das Dach schützend über unseren Köpfen.

Ich werde BRICHBAGs in diesem Jahr verschenken. Und du?

Bilderquelle: Sina Trinkwalder

8 Gedanken zu “Brichbag – ein Rucksack für die Würde
  1. Ein super Artikel liebe Cornelia über eine wunderbare, menschliche Aktion!

    Ich möchte hier noch hinzufügen, dass es gar nicht unbedingt ein gekaufter Rucksack sein muss. Schaut Euch in Euren Gemeinden um, da gibt es unendliche viele Möglichkeiten zu helfen und sich zu engagieren. Es ist so einfach, wenn man nur will.

  2. Wunderbar, das es Menschen wie Sina Trinkwalder gibt. Und wunderbar, dass Menschen wie Cornelia uns auf solche Menschen aufmerksam machen. Dankeschön dafür, unsere Augen, Gedanken und vielleicht auch unsere Kreativität dahin zu lenken, wo nur wenige hinschauen mögen.

  3. Wer es umsetzt zu Weihnachten einen Brichbag zu schenken, melde sich doch bitte bei uns. Wir können dann dazu noch mal eine Veröffentlichung planen um diese sinnvolle, schöne Idee weiter zu propagieren. Oft machen Menschen ja mit, wenn andere los stapfen… 🙂

  4. Sehr geehrte Frau Trinkwalder,
    wir würden gerne 5 Rucksäcke in einer Wärmestube für Obdachlose abgeben, mit Kleidung und
    sonstigen Sachen gefüllt. Dort geben wir schon einige Jahre Regelmäsig Sachen an Einrichtung
    weiter.
    Wenn Sie uns bitte die Rucksäcke per Rechnung schicken könnten würden wir uns sehr freuen.
    Anschrift: Dieter Conrath
    Rammheidstraße 2
    66578 Schiffweiler
    Mit freundlichen Grüßen Dieter Conrath

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