Ein Ami fragt: „Warum feiert Ihr Euch nicht richtig?“

Wenn die Deutschen feiern, wie kürzlich zur gewonnenen WM, schaut nicht nur das Ausland beglückt auf uns: „Hey hey, die feiern ja richtig!“ Muss man uns sonst zum öffentlichen Partymachen und Gedenken aus dem Keller holen? Der US-Amerikaner Keith Gruen, seit 1987 in Deutschland, nimmt uns in Schutz: „Der Tag der Deutschen Einheit ist erst rund 24 Jahre alt, der amerikanische Unabhängigkeitstag mehr als 240 Jahre!“ Sein Credo: Lasst den Deutschen Zeit, vielleicht bekommt der 3. Oktober in zweihundert Jahren „a new meaning for the German psyche“. Hier sein Bericht.

„Der amerikanische Nationalfeiertag am 4. Juli hat mich schon in meiner Kindheit beeindruckt. Alle haben ausgiebig gefeiert! Aber als ich Mitte der 80er nach München kam, wussten die meisten Leute noch nicht einmal, wann der deutsche Nationalfeiertag war… Und als es den 17. Juni nicht mehr gab und aufgrund der Deutschen Einheit den 3. Oktober, was änderte sich da? Wenig. Für die meisten ist dieser Herbsttag super, um zum Oktoberfest zu gehen. Ich ziehe auch gern die krachledernde an, aber mit einer Nationalfeier haben die Wiesn natürlich nichts zu tun.

Der 4. Juli ist für uns jedoch etwas Besonderes und sehr Emotionales, schon wenn wir ganz klein sind. In meiner Erinnerung sehe ich noch heute alles in leuchtenden Farben: Die Straßen in unserer Nachbarschaft wurden abgesperrt und in eine Picknickmeile umgewandelt; alle Nachbarn schienen Kinder zu haben, und wir feierten mit unseren Familien bis in die Abenddämmerung. Musiker und Straßenkünstler begleiteten das Spektakel. Dann machten wir uns auf in die San Franciso Bay: Zum Feuerwerk. In den 80er Jahren war das noch ziemlich einfach im Vergleich zu heutigen Shows.

„Aber ich war beeindruckt und wusste: Dieser Tag ist etwas ganz Besonderes, und seit 1776 feiern wir Amis ihn ausgiebig. Der Unabhängigkeitstag von Großbritannien ist wahrscheinlich das einzige Datum, das wir Amerikaner im Schlaf auf beten können – auch wenn wir uns sonst mit unserer eigenen Geschichte nicht immer so gut auskennen…“

Wir Amerikaner sind weltbekannt für unseren Patriotismus. Damit werden wir aber nicht geboren, sondern man wird dahin gedrillt. Wir hissen die Fahne in unseren Schulen und schwören unsere Solidarität zum Staat. Auf allen öffentlichen Gebäuden wehen Fahnen, die Nationalhymne singen wir laut und mit stolz geschwellter Brust.

Statue-of-liberty_USAWas wir außerdem in der Schule lernen ist Erfolg! Das Gute besiegt immer das Böse – und Amerika war natürlich immer auf der guten Seite. Selbst in den dunklen Zeiten unserer Geschichte. Wir lernen, dass das amerikanische Staatssystem – trotz aller Probleme – eines der besten, wenn nicht sogar DAS Beste der Welt ist. Dies zu beweisen ist einfach: Es existiert fast 240 Jahre, überlebte jede Krise. Kein Wunder also, dass wir Amerikaner andere Länder kaum beachten. Was kann schon wichtiger und mächtiger sein als Amerika?

Fahnen, Nationalstolz, öffentliche Jubelfeiern? Heben sich die Deutschen das ausschließlich für Fußballweltmeisterschaften auf?

Vielleicht ist es ungerecht mehr zu erwarten. Immerhin ist der Tag der Deutschen Einheit, der 3. Oktober, erst 24 Jahre alt. Wir haben also 216 Jahre mehr auf dem Buckel, um Traditionen und Mythen zu verankern und um Legenden, Geschichten, Bücher und Lieder um den Feiertag zu kreieren. Aber ich sehe wenige, die solches von Generation zu Generation wirklich weiter geben.

Die meisten, die ich kenne, empfinden den 3. Oktober als gern gesehenen Tag um auszuschlafen oder um ihn im Freien zu verbringen, weil es oft einer der letzten wärmeren Herbsttage in Deutschland ist. Aber ohne zu feiern. Ohne Geschichten zu erzählen, was früher war! Es gibt keine Lieder, keine Spiele, nichts wirklich Besonderes für diesen Tag.

Oder kenne ich das alles nur nicht? Dann erzählt es mir! Ich brenne immer für gute Geschichten!“

Keith-GruenGastautor Keith Gruen, 1965 in den USA geboren, gründet eigentlich immer. Sein jüngstes Start-Up heißt ysura. Keith hat schon diverse andere Software Unternehmen, wie Fidelio, conject, NXN oder hetras, mit aufgebaut. Bei ysura ist er für die Bereiche Marketing, Business Development und strategische Unternehmensführung verantwortlich.

 

Autor: Keith Gruen

Foto: privat und pixabay

5 Gedanken zu “Ein Ami fragt: „Warum feiert Ihr Euch nicht richtig?“
  1. Ich kann Keith nur zustimmen – selbst in Berlin war am 3. Oktober zwar richtig viel los (wie sagte der Taxifahrer? „Es ist richtig, richtig, richtig voll!“), aber die meisten Touris kamen wie immer. Ob nur jeder 2. wusste, was vor 24 Jahren passiert ist?

    Meine Familie und ich haben am Samstag eine Tour per Bike durch Berlin gemacht, wir haben in 2 Stunden eine Menge gesehen und sind ganz viel an der Mauer vorbei gedüst, waren an diversen Gedächtnis-Stätten, total empfehlenswert!! Hier der Link zu dem Anbieter: http://berlinonbike.de/radtouren/berliner-mauer/ (Kai buchen :-))

  2. Pingback: Mexicos Schrei nach Unabhängigkeit – eine Nation erinnert sich | ohfamoos

  3. Für viele Menschen ist der 9. November 1989 der Tag der Wiedervereinigung.

    Wir sind am 9. November von Hamburg nach Berlin gefahren und haben eine interessante Stadtführung in Berlin mit Berlin Cycling Tours erlebt. http://www.berlincyclingtours.de/

    Die Straßen waren am 09.09.2014 sehr voll und es feierten hunderttausende Menschen den 25. Jahrestag zum Mauerfall in Berlin. Vom Potsdamer Platz bis zur Oberbaumbrücke waren sehr viele Menschen auf dem ehemaligen Mauerstreifen unterwegs. Unsere Reisegruppe konnte eine super Stadtführung genießen und die Lichtgrenze ( Veranstaltung zum Mauerfall ) vor Ort erleben.

    Es war ein Erlebnis und wir können die Fahrradtouren in Berlin von Berlin Cycling Tours sehr empfehlen. http://www.berlincyclingtours.de/

    Die Menschen haben am 9. November richtig gefeiert!

  4. In Berlin konnten wir sehr viel über die Geschichte zur Berliner Mauer erfahren.
    Eine sehr vielseitige Führung zum Thema wird von Berlin Cycling Tours am Reichstagufer angeboten.

    Mit unserer Familie haben wir die ehemaligen Grenzübergänge, Wachtürme und Fluchttunnel besucht. Für Familien und Schulklassen sehr zu empfehlen.
    Informationen zur Stadtführung Berliner Mauer:

    https://www.fahrradtourberlin.de/berliner-mauer/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.