„Unsere Gesellschaft braucht mehr Weltoffenheit“

„Nicht die GermanAngst oder GermanEmpörung sollten uns prägen, sondern Weltoffenheit mit einer guten Prise Gelassenheit.“ Sagt Serap Güler ­– und wir geben gern zu, sie erst seit kurzem auf unserem Radar zu haben. Dabei sitzt die 1980 in Marl als Kind einer türkischen Einwandererfamilie geborene Politikerin bereits seit 2012 nicht nur im Düsseldorfer Landtag sondern auch im CDU-Bundesvorstand. Für ohfamoos redet sie Klartext: „Wer sich von Überfremdungsängsten leiten lässt, macht einen Riesenfehler.“

KAS-Einladung_Welches-Land-wollen-wir-seinIch war ja auch mal ‚in der Politik’ – lange ist es her, aber es hat mich geprägt. Als ich von
der bundesweiten Initiative „Die Offene Gesellschaft“ höre, werde ich hellhörig. Was formiert sich dort? Schon zu Jahresbeginn interviewe ich einen der Gründer, den renommierten Sozialpsychologen Harald Welzer, der mir u.a. zum Ziel der Debattenaktion sagt: „WIR reden – und tun damit das, was die Politik nicht macht: In Form von Townhall-Debates die Bevölkerung und sich selbst wechselseitig aufzuklären. Das gehört zu einer Demokratie dazu.“

Eine solche Debatte findet nun auch in Düsseldorf statt – eben mit Serap Güler und Alexander Carius, der Welzers Kompagnon in Sachen „Die Offene Gesellschaft“ ist. Am 29. September sind Güler und Carius zwei der vier Impulsgeber, wir von ohfamoos helfen bei der Organisation der Veranstaltung.

Vorab wollten wir die 36-jährige Politikerin ein bisschen näher kennenlernen. Meiner Bitte, uns einige Fragen zu beantworten, ist Serap Güler gern nachgekommen.

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Serap Güler im Interview mit ohfamoos

Frau Güler, Sie diskutieren in einer öffentlichen Debatte bald darüber, welches Land wir sein wollen. Was reizt Sie daran?

Serap Güler: Wir leben im Zeitalter der schnellen Kommunikation. Das hat viele Vorteile, aber eben nicht nur. Ein Nebensatz, eine Randbemerkung kann ohne den Gesamtkontext ganz anders wirken. Das erleben wir oft und führt zu einer Empörungswelle, zum Shitstorm, der kaum noch aufzuhalten ist. Darüber lohnt es sich sehr zu debattieren!

Was empfehlen Sie zuvorderst zu tun?

Serap Güler: Ich wünsche mir von unserer Gesellschaft mehr Gelassenheit und Interesse, wieder etwas tiefgründiger zu diskutieren. Nicht die GermanAngst oder GermanEmpörung sollten uns prägen, sondern Weltoffenheit mit einer guten Prise Gelassenheit.

Nicht wenige Politiker wie auch Journalisten verbreiten keine Zuversicht sondern düstere Zukunftsaussichten. Welche Haltung empfehlen Sie, um mit den Herausforderungen erfolgreich umzugehen?

Serap Güler: Ängste sind menschlich. Nehmen sie aber Überhand, werden sie wirklich gefährlich. Eine gesunde Ration Angst schadet nie, eine Überdosis hingegen ist Gift für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.

Das heißt im Klartext? 

Serap Güler: Ich beobachte bei einigen Kollegen, und das sage ich ganz bewusst auch in Richtung unserer Schwesterpartei, dass sie manchmal etwas durcheinander bringen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen „Ängste ernst nehmen“ und „Ängste schüren“. Unser Job als Politiker ist es vor allem, Ängste zu nehmen, gerade in Bezug auf die Vielfalt. Wir sind ein Einwanderungsland. Schaut man sich die klassischen Einwanderungsländer an, war es immer auch ihre Vielfalt, von der sie profitiert haben. Deshalb sollte auch hier insgesamt mehr für den „das-Glas-ist-halb-voll“ Sicht geworben werden. Wer sich von Überfremdungsängsten leiten lässt, macht einen Riesenfehler.

Ist unser politisches System, unsere Demokratie gerüstet, mit den von Ihnen skizzierten Herausforderungen umzugehen?

Serap Güler: Unsere Demokratie auf jeden Fall! Sie hält mehr aus, als ihr manche zutrauen. Aber unser politisches System, was ja letztendlich durch die Akteure geprägt wird, braucht mehr Besonnenheit. Politikverdrossenheit erledigt sich nicht dadurch, dass man jedem Trend nacheifert, sondern indem man einen Standpunkt hat und dafür streitet. Natürlich können sich Meinungen auch ändern, aber wenn dies schneller geschieht als das Schmelzen eines Eiswürfels bei 30 Grad, darf man sich nicht wundern, wenn Menschen das Vertrauen in unser politisches System verlieren.

Serap Güler, seit 2012 für die CDU als Abgeordnete im Düsseldorfer Landtag tätig, wurde 1980 in Marl als Kind einer türkischen Einwandererfamilie geboren. Sie machte eine Ausbildung zur Hotelfachfrau, schloss später ihr Studium von Kommunikationswissenschaft und Germanistik ab. Seit 16 Jahren ist sie deutsche Staatsbürgerin. In einem Interview mit ntv sagte Serap Güler, kurz nachdem sie in den CDU-Bundesvorstand gewählt wurde: „Ich bin ein gläubiger Mensch, ich bin Muslimin, und ich sehe viele Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Islam: Beides sind abrahamitische Religionen, in beiden glauben wir an einen Gott. Mir ist es wichtig, dass man überhaupt glaubt, anstatt in einer Partei zu sein, die mit Gott nichts anfangen kann.“

Serap Güler bestreitet die Veranstaltung am 29.9. im Düsseldorfer stilwerk mit drei weiteren Impulsgebern, s.u. Hier könnt Ihr Euch für die öffentliche Debatte anmelden.

Lest auch dieses Interview!

Text: Elke Tonscheidt
Fotos: @laurencechaperon

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3 Gedanken zu “„Unsere Gesellschaft braucht mehr Weltoffenheit“
  1. Ja, der deutsche Kultur-Pessimismus begleitet uns wie ein klebriger Schatten aus der Vergangenheit – und das, obwohl wir Wohlstandsdeutschen wie die Fettaugen auf der Suppe schwimmen. Und in jeder Veränderung sehen wir eher eine Gefahr als eine Chance. Stets wollen wir wissen, was die Zukunft bringt, ehe wir uns auf den Weg zu ihr machen. „The Germans dive deeper – but they come up muddier“, stellte schon der englische Historiker Wickham Steed fest. Mehr Menschen – vor allem Politiker – vom Schlage Frau Gülers täten uns wahrlich gut. Ich freue mich sehr auf die Debatte mit ihr am 29. September im Düsseldorfer „stilwerk“. Das verspricht eine Debatte im Klartext und mit Aufbruchstimmung zu werden – ohne naive „Yes, we can“-Parolen. Denn es stimmt: Da liegt einiges vor uns. Packen wir’s also mit Zuversicht, Realitätssinn und der Lust an der Gestaltung der gemeinsamen Zukunft an. Gibt’s denn eine Alternative?

    • Da ich Jahrgang 1940 bin, sehe ich die politische Entwicklung schon mit einiger Sorge. Nicht wegen der großen Anzahl der Flüchtlinge, die – wenn Sie verfolgt sind – selbstverständlich bei uns eine Aufnahme finden müssen. Dass es aber nach dem Fall der Mauer noch einmal eine Situation geben könnte, die wegen der vielen Krisen kaum noch zu handhaben und zu überschauen sind, hätte ich nicht vermutet. Für verantwortliche Politiker ist es inzwischen sehr schwer geworden, noch richtig Kurs zu halten. Alle die Menschen in unserem Land, die – egal ob Sie aus der Politik oder den Medien kommen -, sollten mit ihren Meinungen und Statements vorsichtig sein und nicht nur Schelte verbreiten, damit nicht – wie schon geschehen – neue politische Parteien aus allen Schichten unserer Gesellschaft entstehen, die nur ihre Pfründe erhalten sehen wollen oder ohnehin immer unzufrieden sind. Deswegen mein Beitritt zu dieser Initiative.

  2. Mich erschrecken der ungefilterte Hass und das unverfrorene Ressentiment in den Internetforen und neuerdings auch in der öffentlichen Debatte. Es scheint mir dringend nötig, die Erfolge und die Werte der liberalen Gesellschaft und der Europäischen Union offensiv zu vertreten. Ich hoffe, dass „Die offene Gesellschaft“ eine wirkungskräftige Plattform dafür wird.

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