Sexualität: Was hat „Liebe machen“ mit Gesundheit zu tun?

SEX. Alle machen’s. Mehr oder weniger jedenfalls. Er wird propagiert oder überbewertet. Pervertiert oder verniedlicht. Er ist sündhaft teuer bis auffällig billig. Und wer zur Qualität nix beizutragen hat, brüstet sich mit Quantität. Oh ja, so viele Klischees, mit denen Frauen und Männer zu kämpfen haben. Dabei dient eine erfüllende Sexualität laut WHO ganz offiziell unserer Gesundheit. Urquell unseres Lebens also – dessen wahre Freuden wir alle lernen können!

Eher zufällig finde ich Hanna Krohn, Gesundheitspraktikerin für weibliche Sexualität, in einer meiner Lieblingsgruppen im Netz. Ich bin neugierig, lese mich durch Ihre Internetseiten (etwas staunend, ich gebe es zu). Und dies auf ihrer „Über mich“-Seite:

Die Erforschung meiner Sexualität hat mich auf direktem Weg zu mir selber geführt, so wie es keine der Therapien, die ich bis dahin durchlaufen hatte, vermocht hatte. Ich konnte endlich ganz und gar „Ja“ sagen zur mir. Ich bin ein anderer Mensch geworden, eine andere Frau und auch eine andere Mutter. Ich habe angefangen, die zu werden, als die ich geboren wurde, aber die ich mich nie getraut habe zu sein.

Wow, denke ich. Sie traut sich was. Hebt das Thema Sexualität auf eine leuchtende Bühne. Es gibt ja viel sexy-hexy-turbo-oder-eso-mässiges Getue, stelle ich bei meiner Recherche fest. Bei Hanna Krohn ist es völlig anders: Ihr geht es um Begegnung mit sich selbst. Und um Selbstermächtigung. Also treffe ich sie vor den Toren Hamburgs in ihrer wunderschönen „Praxis“, die Teil eines ganz tollen Wohnprojektes ist. Und begreife.

Was ist gute Sexualität?

Ganz klar: Es gibt keine Messlatte! Sexualität sollte einfach selbstbestimmt und frei von Scham- und Schuldgefühlen stattfinden können. „In fast jedem Vorgespräch, das ich mit meinen Klientinnen führe, wird geweint. Schuld und Scham ist ein riesiges Thema!“, erzählt Hanna. Ich merke, wie leid es ihr tut und dass sie fast empört darüber ist, was Frauen erleben. Eine Frau könne einem Mann sexuell erst dann selbstbestimmt begegnen, wenn sie sich selber wirklich kennt, meint sie weiter. „Frauen erwarten von Männern, dass sie die richtigen Knöpfe verstehen zu drücken! So haben sie das gelernt. Aber die wissen das ja auch nicht!“

Überhaupt seien Frauen und Männer mit dieser gegenseitigen Erwartungshaltung und diesem Leistungsgedanken „im Bett“ total überfordert. Die Frage macht also Sinn: Wie könnte ich meinem Mann/meiner Frau sagen, was ich mag, wenn ich es a) selber nicht wirklich-wirklich weiß und es b) nicht gut sagen kann?!

„Sprache ist echt ein Thema in der Sexualität. Menschen finden so schwer Wörter für ihre Gefühle und Bedürfnisse!“

So können manche Klientinnen während einer Intim-Massage wohl sagen, dass sie z. B. nicht besonders viel spüren. Aber was sie fühlen und was (nicht) passieren darf oder sollte, damit das Gefühl intensiviert wird, dafür fehlt die Sprache. Oder besser: Der Mut, zu sprechen!

Wenn zwei Menschen miteinander Sex haben, dann geschieht das meistens absichtsvoll. „Da wird immer erwartet, dass die Post abgehen muss“, erzählt Hanna und weiter „so haben wir auch das gelernt! Sex mit dem Ziel des Höhepunktes. Tiefe, tiefe Lust entsteht, wenn wir uns hingeben und frei von Absichten und Erwartungen fühlen und spüren. Uns selbst sowie einander entdecken und finden.“

Sexualität ist Lebensenergie

Sexualität ist viel mehr als körperliche Lust. Sexualität ist Lebensenergie! „Entdeckt eine Frau erst ihre Kraft im Becken, macht sich frei von Schuld und Scham und hat stattdessen einen liebevollen Blick auf sich, dann mobilisiert sie ihr Potenzial!“, sagt Hanna. Sie spricht aus eigener Erfahrung und geht offen und selbstverständlich damit um. Möchte Mut machen, voran schreiten. „Frauen sind nicht mehr beherrschbar, wenn sie ihre Urkraft entdeckt haben!“

Sie wirkt aufrichtig bestürzt darüber, wie sehr ein „schlechtes“ sexuelles Selbstbild die Lebensqualität und Gesundheit von Frauen beeinträchtigt. Sexuelle Gesundheit ist untrennbar mit Gesundheit insgesamt, mit Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden, so definiert es die WHO. Für viele Frauen scheint die Erkenntnis gereift, das Bedürfnis sehr groß und die innere Not drängend zu sein. Sie wollen etwas verändern. „Ich konnte es fast nicht glauben: Vom Moment an, da ich meine Internet-Seiten frei schaltete, fanden die Frauen mich. Sie kommen aus ganz Deutschland angereist. Ich mache genau das, was ich will. Was ich gut kann und ganz, ganz wichtig finde!“, strahlt sie mich zufrieden an.

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Bei Tantra-Massagen geht es um Entspannung, Lust, Sinnlichkeit und eine andere Erfahrung mit genitaler Berührung. Die Frauen-Massage geht es einen großen Schritt weiter in Richtung Sexualcoaching und Prozessbegleitung. Sie ist spezialisierter und tiefgreifender. Authentische Gefühle und innere Wahrheiten spielen dabei eine Rolle. Und Frauen beizubringen, sich selbst zu entdecken, zu verstehen und für sich einstehen zu können. Die sogenannten Spiegelsitzungen sind dafür ein sehr gelingender Auftakt: Sie trifft sich mit einer Frau und gemeinsam betrachten sie ganz in Ruhe vor einem Spiegel ihre Yoni (der tantrische Begriff für die weiblichen Genitalien). „Weißt du, bei den Vorgesprächen, hier am Tisch, angezogen und mit Tee, frage ich die Frauen ‚Was fällt dir zu deiner Yoni ein?‘ Und oft höre ich so etwas wie ‚schmutzig‘,‚alt‘, ‚ekelig‘ oder ‚unschön‘. Wie kann ein freies, tiefes, schönes Lebensgefühl entstehen, wenn das das Ausgangsbild ist?!“ Sexualität, erzählt Hanna weiter, kommt erst im zweiten Schritt hinzu. Sie ist ein Ausdruck von Lebensgefühl und -qualität.

So wundert es mich nicht, als sie ganz beiläufig davon berichtet, wie sie mit ihrer 9-jährigen Tochter eine Spiegelsitzung gemacht hat. Und als Mutter zweier Töchter denke ich: Ja, das macht Sinn! Ihre Mission ist überzeugend, ihr Weg sehr beeindruckend. Und ihre Dienste, von der Tantra-Massage über Spiegelsitzungen bis zu Sexualberatung, haben völlig zu Unrecht dieses, wie sie es selbst nennt, Schmuddel-Image! Bei den wenigsten Massagen, die Hanna gibt, geht es übrigens um den Höhepunkt. Viel mehr geht es ihren Klientinnen um Selbsterfahrung. Wenn sich ihre Lust zeigen sollte, dann ist sie willkommen.

Können wir Liebe machen lernen?

Absolut! Genau darum geht es Hanna Krohn.

Niemand kommt auf die Welt und weiß, wie Liebe machen geht.

Schon gar nicht die erfüllende. Oder was eine gute Sexualität, die der Gesunderhaltung dient, braucht. „Wenn wir das einmal begriffen haben, dann gehen wir anders an die Sache ran. Holen uns Hilfe, so wie wir zum Berufs- oder Ernährungsberater gehen“, beobachtet sie. Mit ihrer aktuellen sexualtherapeutischen Fortbildung nach der Methode Sexocorporel erweitert sie ihre Kompetenzen und bringt ihre Dienste rund um weibliche Sexualität auf den Punkt. Dass immer mehr Menschen entdeckt haben, wie sehr eine freie und selbstbestimmte Sexualität zu einem guten Leben beitragen, zeigt die Erfolgsserie „MAKE LOVE. LIEBE MACHEN KANN MAN LERNEN“ von und mit Ann-Marlene Henning. Die Hamburger Sexologin ist Hannas „Vorbild“. „Sie macht alle Fragen rund um die Sexualität salonfähig. Sie nimmt Frauen – und Männern – ihren Scham und ihre Schuldgefühle. Die Menschen entdecken spielerisch ihre Sexualität. Und es macht sie glücklicher. Ist das nicht großartig?!“

Ich habe Hanna Krohn als außerordentlich emphatische, aufmerksame, sichere und wachsame Frau kennengelernt. Ihre Praxis im Hamburger Nordosten ist mit sehr viel Gespür für die Bedürfnisse ihrer Klientinnen hergerichtet. Dort taucht man weg, wird eingeladen so zu sein, wie man ist. Mein anfängliches, unsicheres Staunen beim Lesen ihrer Internetseiten ist gewichen. Einer Klarheit für die wundervollen und bedeutsamen Dienste einer Sexologin.

Foto und Illu: Hanna Krohn und Sandrine Estrade-Boulet

2 Gedanken zu “Sexualität: Was hat „Liebe machen“ mit Gesundheit zu tun?

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