Schule in Sydney: Der Sonnenhut ist Pflicht!

6.30 Uhr morgens. „Ma-a-a-mmi-i-i, aufstehen – Du musst in die Schu-u-u-le!!“ Wenn eine australische Grundschule Mother’s Monday feiert, ist die Mutter vor Ort gefragt. Melanie hat ihre Tochter einen ganzen Tag begleitet. Was dort anders ist als bei uns, hat sie notiert – und natürlich auch die Nationalhymne mitgesungen.
Mit Frühstückssnack und Mittagessen unter dem Arm machen wir uns auf. Ich orientiere mich auf dem Schulhof. Wo sollen wir unsere Taschen abstellen, wo waren noch gleich die Toiletten? Da höre ich schon die Glocke. 9.00 Uhr. Jetzt schon? Ich wollte doch noch schnell mit Müttern aus Charlottes Klasse von Year 1 quatschen. Aber eine kleine Hand zieht mich davon und wir stellen uns auf. Jedes Kind hat seinen festen Platz.

Als erstes steht Assembly auf dem Programm: Schulversammlung auf dem Schulhof, wie jeden Montag an der kleinen Grundschule in der Nähe von Manly, einem Stadtteil von Sydney. Die Direktorin bespricht, was diese Woche ansteht, und verteilt mit der Unterstützung der Schulsprecher kleine sogenannte Awards (Auszeichnungen). Das muss nicht immer für besondere Leistungen oder signifikante Verbesserungen in z.B. Mathe oder Sachkunde sein. Schüler bekommen sie auch für selbständiges Arbeiten, sichere Konfliktlösungen, respektvollen Umgang mit anderen Schülern, Einbinden statt Ausschließen, Freude mit anderen Kindern und deren Leistungen. Positive Vorbilder werden belohnt, statt Missetaten abzustrafen.

Undenkbar an einer Deutschen Grundschule: Zum Assembly-Abschluss nehmen wir unsere Sonnenhüte ab, drehn uns zur Australischen Fahne um und stehen still. Der blaue Himmel über mir, die Herbstsonne blendet. Es folgt die Australische Nationalhymne: “Advanced Australia Fair”. Ich höre die Freude in den Kinderstimmen und bekomme Gänsehaut “Our home is girt by sea…” Ja! Das ist schon speziell, und heute singe ich laut mit. Schließlich bin ich nun Schülerin und Australierin seit ein paar Jahren sowieso!

Auf geht`s in die KlassenräumBasteln in Schulee. Mir ist schon nach dem ersten Kaffee zumute. Aber erst muss ich noch lesen, schreiben und rechnen. Die Lehrerin lässt sich von der Anwesenheit der Mütter nicht beirren und zieht ihren Plan durch. Wir Mamis sitzen am Tischende unserer Kinder, versuchen dem Tempo in Sachkunde zu folgen.

Die Glocke läutet. Endlich! Ich kram schon nach dem Apfel in meiner Tasche. Doch halt! Meine kleine Banknachbarin zieht mich weg. Erst müssen wir mit den Freundinnen ausmachen, wer wann auf welches Hickelhäuschen darf. Darüber vergesse ich meinen Apfel im Klassenzimmer. Auf dem Pausenhof schaue ich mir die Mädchen an. Bei den meisten fehlen die vorderen Zähne. Die Haare sind alle weggebunden. Auf dem Kopf sitzt der Sonnenhut, der ist Pflicht. Unbekümmert und voller Freude stürmen sie raus, arrangieren sich. Rempeln sich an, lachen, nehmen sich an der Hand.

Mein Herz zieht sich zusammen. Ist das wirklich meine kleine Tochter, die jetzt ihren Platz gefunden hat? Ich merke, wie selbständig sie ist und was ihr wichtig ist. Die Jungs fangen sofort an zu kicken. Jeder mit jedem. Tor! Ich sehe Mütter – nicht am Spielfeldrand. Nein. Sie mischen mittendrin mit und versuchen zu kicken und das Tempo zu halten. Keine Zeit für Kaffee – keine Zeit zum Essen. So eine schöne Stimmung!

in classDie Glocke bimmelt, es geht weiter mit Mathe. Die Kinder sitzen auf dem Boden in drei Reihen. Jeder auf seinem Platz. Das gefällt mir gut; die Konzentration geht nach vorne zur Lehrerin und zum White board. Danach suchen wir, zurück an unserem 6er Gruppentisch, Zahlengruppen zusammen und lösen Textaufgaben. Alles geht recht zackig.

So fühlt sich also Schule an! Ich bin müde. Ob jemand zu Hause was Gutes und Warmes für mich gekocht hat? Ich schiele auf die Uhr… und höre erleichtert die Glocke. Mittagspause. Jetzt aber! Der Apfel, das Brot. Schnell, bevor ich wieder spielen ‘muss’. Die einstündige Mittagspause vergeht wie im Flug.

Zum Endspurt dürfen wir noch zusammen basteln. Auch das geht gut. Kaum zu glauben bei 22 Schülern und einem Haufen Klebstoff und Farbe. Wir basteln ein Fotoalbum und verzieren dieses. Dabei lässt die Lehrerin klassische Musik im Hintergrund laufen. Der Tisch, der am Schluss am saubersten aufgeräumt hat, bekommt Tischpunkte. 100 Punkte können gegen eine kleine Süßigkeit eingetauscht werden. Seit heute schwöre ich auf die neuen Erziehungskonzepte!

Kurz bevor die Glocke läutet, ist Zeit für News. Die Kinder setzen sich zusammen. Zwei Kinder stellen sich vor uns alle, halten jeweils einen kleinen Vortrag. Das Thema wechselt wöchentlich, und jeder muss auf die klassischen W-Fragen eingehen. Wer, Was, Warum, Wie. Selbstsicher trägt Charlie vor, welches sein Lieblingsinsekt ist. Milly erzählt von der Spinne im Wohnzimmer genannt „Daddy Long leg“ – auf deutsch Weberknecht und beantwortet ausgewählte Fragen aus dem Publikum.

Ich erinnere mich an mein erstes Referat in der 5. Klasse über Pferde. Mit zittriger Stimme. Die Stimmen der Kinder hier dagegen: klar und selbstsicher.

Hut ab vor den 6-7jährigen. Was die großen Kleinen an den Tag legen, beeindruckt mich – und ich nehme mir fest vor, die Nachmittage bei uns zuhause in Zukunft ruhiger zu gestalten, um Charlotte Zeit zu geben die Dinge zu verarbeiten undneue Energie für den nächsten spannenden Schultag zu sammeln.

Wusstet Ihr:

  • Ein Kind geht in Australien ab dem 5. Jahr in die Schule.
  • Das erste Schuljahr wird entweder Kindergarten oder Reception (Empfang) genannt. Dann geht es los mit Year 1, Year 2 usw. Die Grundschule geht somit sieben Jahre bis einschließlich 6. Klasse.
  • Die Erziehung in den Grundschulen erfolgt co-edukativ. Die darauffolgenden, sogenannten Highschools sind meistens nach Geschlechtern getrennt.
  • Schulbeginn ist um ca. 9 Uhr und geht – auch am letzten Schultag – bis 15 Uhr am Nachmittag.
  • Bis auf ganz wenige Ausnahmen wird in Australien Schuluniform getragen.
  • Das Tragen von Sonnenhüten ist während der Pausen Pflicht. Wer seinen Hut vergisst  muss im Schatten sitzen. Das passiert jedem Schüler nur einmal …
  • Die klassische Tafel mit Kreide wurde vor 5 Jahren in  ganz New South Wales durch ein Media White Board ersetzt.
  • Alle 2 Jahre muss jeder Schüler einen landesweiten NAPLAN Test absolvieren. Der Staat testet alle Schüler eines Jahrgangs mit den gleichen Fragen.

Text: Melanie Blankenstein
Fotos: Pixabay, Melanie Blankenstein.

3 Gedanken zu “Schule in Sydney: Der Sonnenhut ist Pflicht!
  1. Hallo Melanie,
    Dein Artikel über die Schule in Sidney war sehr interessant. Magdel erzählt uns zwar von Euch und den Kindern (sooft sie kann), aber das waren nicht nur Infos eines Insiders, sondern auch toll erzählt.
    LG aus Frankenthal

    Elfi

    • Danke liebe Elfi!
      Ja das Schulsystem ist ein anderes! Ich versuche Euch weiterhin auf dem Laufenden zu halten! Also immer mal wieder vorbei schauen! 😉

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