Wir haben zu reden!

Wir sagen es offen: Der folgende Gastbeitrag war in unserer Redaktion nicht unstrittig. Super, sagen die, die gern streiten. Zu düster, sagen die, die lieber ganz direkt das Positive betonen. Denn das will ohfamoos ja: Über Negatives wird viel zu oft gesprochen, wir finden in unserem Blog zum Glück immer einen positiven Aspekt. Deshalb präsentieren wir die Gedanken von Michael Hoeldke, dem Berliner Musiker und Radiomacher, nun ganz bewusst: Denn wie er wollen wir reden – auch darüber, was uns manchmal echt beschwert…

wir-haben-zu-reden_Tanja-Deuss_Knusperfarben_neuNun werden sie uns fressen! Nun war es das wohl mit der Republik Nr .2 auf deutschem Boden, sie werden wieder die braunen Hemden tragen, wir müssen wieder die erste Strophe singen. Seit dem 13. März heißt es: Abwarten, bald wird das Parlament aufgelöst, Merkel erst entmachtet, dann geköpft – oder gehängt?

„Wir Deutsche sind in einem Zustand der Wirrniss“

Ich verwechsele immer, wer das jetzt mit der Guillotine war und wer das mit dem Galgen. Wie ich überhaupt finde, dass wir Deutschen uns in einem „Zustand der Wirrniss“ befinden. Und das Schlimmste daran: Zu schweigen, wenn man eigentlich zu reden hat.

Schon vergessen? Wer redet, schießt nicht. Reden. Auch und vor allem mit dem politischen Gegner. Das ist schwierig, aber nicht zwecklos. Die Ergebnisse der drei Landtagswahlen haben mich weder überrascht noch erschreckt… Selbst die Zahlen von Sachsen-Anhalt zeugen nicht vom nahenden Ende der Demokratie. Sie zeigen stattdessen: Über drei Viertel der abgegebenen Stimmen sind nicht an die AfD gegangen. Ich glaube, vorerst wird uns keiner fressen.

Die AFD nennt Probleme, die existieren

Nein, das sind keine Nazis, diese Zuwanderungsgegner. Nicht einmal der größte Teil derer, die behaupten, sie seien das Volk, die in Pegidas, Legidas und Mügidas ihre Parolen grölen, sind dies. Sie sind das, was aus der „kleinen Mittelschicht“ geworden ist. Sie wundern sich über geschraubte Politikerreden, die nicht auf ihre Ängste eingehen, äußern sich manchmal merkwürdig, wirken auf manche unmenschlich.

Wer meint, es gäbe keine menschliche Verpflichtung, Menschen zu helfen, denen in ihrer Heimat Bomben auf den Kopf fallen, darf dies äußern. Auch dann, wenn diese Ansicht roh und ungerecht erscheint.

Und wenn er dies mit dem Satz unterstreicht, dass man „das wohl nochmal sagen dürfe“, hat er das Recht dazu und muss sich dafür nicht als Nazi beschimpfen lassen. Die neu Gewählten kommen aus unserer Mitte, aus allen Parteien. Sie sind welche von uns. Die Probleme, die sie haben, existieren wirklich. Die Frage ist, ob sie diese richtig deuten. Doch als Fragestellung lässt man die Ängste dieser Menschen gar nicht gelten. Jedem, der sie zu äußern wagt, wird der Verdacht entgegen gehalten, ein Rechtsextremer zu sein, oder man wirft ihm ein plattes „Wir schaffen das!“ vor die Füße. Sie fühlen sich unverstanden. Kein Grund, auf sie herabzusehen.

Sie nennen sich „Alternative“. Das kennen wir doch noch, oder?

Ja, ich wage den Vergleich: Die (grün-)„Alternativen“ mit ihrer Friedensbewegung und ihren Sorgen um die Umwelt hatten so ehrenwerte Ziele, dass selbst ihre Gegner einräumen müssen, dass das Denken in Deutschland dadurch eine neue Richtung bekommen hat.

Auch die Grünen mussten sich erst nach und nach zurechtrütteln, ihre Ditfurths und Mechtersheimers loswerden, sich von unsagbaren Forderungen trennen wie die nach Straffreiheit für Sex mit Kindern. Es wäre falsch, die heutigen Grünen nach den extremen Auswüchsen von damals zu beurteilen.

Und Döner essen sie auch!

Die (deutsch-)„Alternativen“ von 2016 treten nun an zur Bewährungsprobe, müssen sich ein echtes Programm geben. Sie vertreten Interessen, die sie auch in den eigenen Reihen nur indirekt zu äußern wagen: Sie wollen Besitzstände wahren. Dafür treten sie ein. Das klingt nicht so attraktiv sozial, nicht wahr, das kann man ihnen schnell dahingehend auslegen, dass das auf Kosten derer so sein soll, die hungern, die in Krieg und Elend leben. Davon wollen sie nichts hören, lieber ihren Vorgarten bestellen, und Döner essen sie auch, ganz weltoffen. Sie haben Angst davor, dass viele fremde Menschen die Nachbarschaft stören könnten.

Und die ängstlichen Töne sind schriller geworden. Man wollte an den deutschen Grenzen sogar mit Hilfe von Schusswaffen Recht und Ordnung wiederherstellen; der thüringische AfD-Chef Höcke steuert bedenklich nah an die Gefühlswelt heran, mit der die NPD für ihre Ziele wirbt. Höcke ist vielen suspekt, selbst in den eigenen Reihen.

‚Besorgte Bürger’ und ihre Angst vor Heimatverlust

Es ist zu früh, dieser Partei eine echte politische Richtung zuweisen zu können. Die Rechtsalternativen bieten derjenigen Wählerschaft eine Heimat an, die sie in den Reden auf Aschermittwochsfeiern der CSU gefunden haben. Ein Teil von ihnen läuft bei Pegida-Demos mit. Schaut man genau hin, marschieren da auch einige echte Rechtsextreme, die Verwerter der Ängste vor Heimatverlust nennen sich ‚besorgte Bürger’. Schaut man noch genauer hin, ist völlig unklar, wer von diesen Köchen den Brei kochen darf.

Sicher ist eines: Erklärt man die Ängste der AfD-Klientel für nichtswürdig oder gar rechtsradikal, warten da schon die anderen besorgten Bürger mit ihrer eigenen Willkommenskultur.

Gastautor Michael HoeldkeIn dieser Debatte herrscht Populismus auf allen Seiten. Demokratie heißt, nie ganz das zu bekommen, was man gern hätte. Daran mag sich irgendwie keiner so recht gewöhnen.

Wie ohfamoos – also reden wir!

Gastautor Michael Hoeldke ist Musiker und Autor. Er schreibt und produziert Radiosendungen über Musik. Er lebt in Berlin, seine Sendungen sind zurzeit vor allen Dingen im Hessischen Rundfunk zu hören.

Fotos: M. Hoeldke (Porträt); Tanja Deuss, Knusperfarben.de

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